Die Bedeutung einer gesunden Sexualität
für unsere Gesundheit



reich
Wilhelm Reich

aus: Prof. Bernd Senf, Die Wiederentdeckung des Lebendigen,
Frankfurt a.M. 1996, ISBN 3-86150-163-5, S.51ff


BEDEUTUNG DER SEXUALITÄT FÜR DIE GESUNDHEIT

"Als die für die Gesundheit wesentliche bloenergetische Grundfunktion hat Reich das freie Strömen und Pulsieren der Lebensenergie des Organismus erkannt, das die einzelnen Teile in einem einheitlichen, durch keine Panzerungen gebrochenen Energiefluß verbindet. Ausdruck davon ist auch, daß spontane Erregungswellen entstehen können, die sich ungebrochen im Organismus ausbreiten und im Orgasmus entladen können. Aus diesem Grund gewinnt nach Reichs Verständnis die Funktion des Orgasmus eine so fundamentale Bedeutung im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit. Orgastische Potenz nicht als Selbstzweck, sondern als Grundvoraussetzung und Ausdruck bioenergetischer Gesundheit; orgastische Impotenz dagegen (das heißt sexuelle Störungen aller Art, auch in Form eingeschränkter Hingabe- und Erlebnisfähigkeit in der Sexualität) ist Ausdruck von blockiertem Energiefluß und macht auf Dauer krank.

Dies ist keine Überbetonung und Verabsolutierung oder Fetischisierung der Sexualität und des Orgasmus, wie Reich immer wieder vorgeworfen wurde, sondern es räumt der Sexualität die zentrale Bedeutung ein, die sie in einer Gesellschaft bekommen hat, in der sie weitgehend unterdrückt und verdrängt ist. Erst aus ihrer Verdrängung entstehen so viele Probleme, daß sie - wenn auch häufig nicht zugegeben - zum alles beherrschenden Komplex im Denken und Fühlen der Menschen wird. In einer die Sexualität bejahenden Gesellschaft ist sie hingegen eine natürliche Selbstverständlichkeit, die mit Freude gelebt wird.

Reich hat die Sexualität einmal sehr profan mit der Entlüftung einer Fabrikhalle verglichen: Keiner macht sich große Gedanken über sie, solange sie funktioniert. Ist sie aber einmal für längere Zeit außer Funktion und staut sich die überhitzte und von Schadstoffen angefüllte Luft, dann wird die Entlüftung zum vordringlichsten Thema - mit einem Unterschied allerdings, den Reich in diesem Zusammenhang nicht erwähnt hat: Bei der Entlüftungsanlage wird man alles versuchen, um den Schaden möglichst bald zu reparieren. Bei der Störung der Sexualität hingegen tut die sexualfeindliche Gesellschaft alles, um von den Ursachen des Schadens abzulenken, und verbaut sich damit auch den Weg zu grundlegender Heilung. Und diejenigen, die klar und deutlich auf die Ursachen verweisen und aufzeigen, wie der Schaden behoben werden könnte, werden - wie Wilhelm Reich Zeit seines Lebens - in den Dreck gezogen, weil das Thema Sexualität uns alle so tief berührt, daß viele es lieber abwehren und sich vom sexuellen Elend in sich und um sich herum ablenken, anstatt sich mit ihm zu konfrontieren.`

Die scheinbare sexuelle Liberalisierung, die in den letzten Jahrzehnten in der westlichen Welt stattgefunden hat, hat kaum die Befreiung der kindlichen Sexualität mit einbezogen. Solange sie aber unterdrückt bleibt, bilden sich immer wieder Charakterstrukturen, die von einer tiefen Angst vor sexueller Hingabe geprägt sind. Unter solchen Bedingungen wurde die » Sexwelle «, wie sie die Medien und die Werbung erfaßt hat, nur zu einer neuen Form von Leistungsdruck. Und die Ausbreitung von Sex and Crime sowie von Pornographie sind lediglich Ausdruck dafür, daß viele Menschen nun mit Gewalt versuchen, an Gefühle heranzukommen, deren natürliches Erleben sie verloren haben.

Es ließe sich viel darüber sagen, daß das weitverbreitete sexuelle Elend nicht nur ein individuelles Problem, sondern in hohem Maße ein gesellschaftliches Problem ist." Reich hat bereits 1933 sein Buch »Massenpsychologie des Faschismus« veröffentlicht, worin er für die damalige Zeit den Zusammenhang von autoritärer Erziehung, Sexualunterdrückung, Entstehung autoritärer und autoritätsängstlicher Charakterstrukturen und dem zwanghaften emotionalen Bedürfnis nach starren gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen herausgearbeitet hat. Noch bevor es zum Holocaust, zu den Konzentrationslagern und zum Zweiten Weltkrieg gekommen war, hat Reich so klar wie wohl kaum ein anderer gesehen, daß die emotionale Deformierung von Menschenmassen unvermeidlich zu einer geballten Aufstauung von Energien führt, die schließlich nach massenhafter explosiver Entladung drängt.

Faschismus in diesem Sinn ist demnach kein spezifisch deut-sches Phänomen. Er kann sich in ähnlicher Form überall dort wiederholen, wo das Lebendige ähnlich brutal geschunden, wo die Sexualität ähnlich brutal unterdrückt wird wie seiner- Zeit vor und während des »Dritten Reichs«. Mit Entsetzen und Fassungslosigkeit steht die Welt immer wieder vor neuen Erup-tionen von Gewalt, zum Beispiel im Iran unter Khomeini oder
in jüngerer Zeit in Somalia, Ruanda und Burundi. Doch kaum
jemals wird der Zusammenhang zwischen Gewalt und unter-drückter Sexualität thematisiert. Reichs »Massenpsychologie des Faschismus « dagegen eröffnet auch heute noch den Zugang zu einem tieferen Verständnis kollektiver Gewalteruptionen wie wohl kaum ein anderes Buch. Um nun auf die Wiederentdeckung der Lebensenergie" durch Wilhelm Reich zurückzukommen, möchte ich ganz grob den Weg andeuten, der ihn schließlich zur naturwissenschaftlichen Entdeckung und Erforschung dieser Energie geführt hat."

aus: Wilhelm Reich, Die Entdeckung des Orgons I, Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt a.M. 1972, ISBN 3-596-26752-8
(Originalausgabe 1942,1948,1961, 1969 Wilhelm Reich Infant Trust Fund),
S. 81-87, S. 140, S. 185-187.

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DIE ORGASTISCHE POTENZ
...
Ich muß die Orgasmustheorie so darstellen, wie sie sich entwickelt hat, also nicht systematisch. Dadurch wird ihre innere Logik leichter faßbar werden. Man wird erkennen, daß kein menschliches Hirn sich diese Zusammenhänge ausdenken konnte. Bis 1923, dem Geburtsjahr der Orgasmustheorie, kannte man in der Sexuologie und Psychoanalyse nur die ejakulative und erektive Potenz. Der Begriff der sexuellen Potenz hat ohne Einbeziehung des energetischen, ökonomischen und erlebnismäßigen Anteils keinen Sinn. Die erektive und die ejakulative Potenz sind bloß unerläßliche Vorbedingungen für die orgastische Potenz. Sie ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckung. Kein einziger Neurotiker hat diese Fähigkeit, und die überwiegende Mehrzahl der Menschen ist charaktemeurotisch krank.

Die Intensität der Lust im Orgasmus ist (beim angst-, unlust- und phantasiefreien Geschlechtsakt) abhängig von der Größe der auf das Genitale konzentrierten Sexualspannung; sie ist um so intensiver, je größer und steiler das »Gefälle« der Erregung ist.

Die folgende Beschreibung des orgastisch befriedigenden Geschlechtsaktes betrifft nur den Ablauf einiger typischer, naturgesetzlich bestimmter Phasen und Verhaltungsweisen. Ich berücksichtige die biologischen Erregungsspiele nicht, die von den verschiedenen individuellen Bedürfnissen bestimmt werden und keine allgemeine Gesetzmäßigkeit aufweisen.

A Phase der willkürlichen Beherrschung der Luststeigerung

1.) Die arabischen Zahlen im Text entsprechen den arabischen Zahlen im Text des Schemas.
Die Erektion ist nicht schmerzhaft, sondem an sich lustvoll. Das Genitale ist nicht übererregt wie nach langer Abstinenz oder wie in Fällen von Ejac.praecox. Das Genitale der Frau wird blutreich und durch reichliche Sekretion der genitalen Drüsen in typischer Weise feucht. Führend ist die Erregung der Schleimhaut der Scheide. Ein wichtiges Kennzeichen der orgastischen Potenz des Mannes ist der Drang zum Ein dringen, Es können nämlich Erektionen zustande kommnen, ohne diesen Drang zu erzeugen; das ist zum Beispiel bei manchen erektiv potenten narzißtischen Charakteren und bei der Satyriasis der Fall.

2) Mann und Frau sind ohne widersprechende Regungen zärtlich. Als pathologische Abweichungen von diesem Verhalten sind anzusehen: Aggressivität, die sadistischen Irnpulsen entstammt, wie bei manchen Zwangsneurotikern mit erektiver Potenz, und die Inaktivität des passiv-femininen Charakters. Beim »onanistischen Koitus« mit einem ungeliebten Objekt fehlt die Zärtlichkeit. Die Aktivität der Frau unterscheidet sich normalerweise in nichts von der des Mannes. Die weitverbreitete Passivität der Frau ist krankhaft, meist Folge masochistischer Vergewaltigungsphantasien.

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3) Die Lust, die sich während der Vorlustakte auf ungefähr gleichem Niveau gehalten hat, steigert sich bei Mann und Frau in gleicher Weise plötzlich bei der Einführung des Gliedes. Das Gefühl des Mannes, »hineingesogen« zu werden, entspricht dem der Frau, daß sie das Glied »einsauge«.

4) Der Drang des Mannes, recht tief einzudringen, steigert sich,
ohne jedoch die Form sadistischen »Durchbohrenwollens« anzunehmen wie bei zwangsneurotischen Charakteren. Die Erregung konzentriert sich durch die beiderseitige, langsame, spontane und nicht angestrengte Friktion auf die Penisoberflüche und Glans, beziehungsweise die hinteren Teile der Scheidenschleimhaut. Die charakteristische Ernpfindung, die das Vordringen des Samens ankündigt und dann begleitet, fehlt noch vollkommen, im Gegensatz zur verfrühten Ejakulation. Der Körper ist noch weniger erregt als das Genitale. Das Bewußtsein ist völlig auf die Aufnahme der strömenden Lustempfindungen eingestellt; das Ich ist dabei insofern aktiv beteiligt, als es versucht, alle Lustmöglichkeiten auszuschöpfen und eine recht hohe Spannung zu erzielen, ehe der Orgasmus einsetzt. Das geschieht selbstverständlich nicht mittels bewußter Überlegungen, sondern spontan aufgrund der vorangegangenen Erfahrungen individuell verschieden, durch Abänderung der Lage, die Art der Friktion, ihres Rhythmus usw. Nach übereinstimmenden Mitteilungen potenter Männer und Frauen sind die Lustempfindtingen um so stärker, je langsamer und linder die Friktionen und je besser sie aufeinander abgestimmt sind. Das setzt auch ein hohes Maß an Fähigkeit voraus, sich mit dem Partner zu identifizieren. Ein pathologisches Gegenstück dazu ist der Drang zu heftigen Friktionen mit Penisanästhesie (ausgesprochen bei sadistischen zwangsneurotischen Charakteren, die an der Unfähigkeit, den Samen zu ergießen, leiden) und die nervöse Hast der an verfrühter Ejakulation Leidenden. Orgastisch potente Menschen lachen und sprechen während des Geschlechtsaktes - zärtliche Worte ausgenommen - nie. Beides, Sprechen und Lachen, deutet auf schwere Störungen des Vermögens zur Hingabe hin, die ungeteiltes Versinken in der strömenden Lustempfindung voraussetzt. Männer, die die Hingabe als »weiblich« empfinden, sind immer orgastisch gestört.

5) In dieser Phase ist die Unterbrechung der Friktion an sich lustvoll wegen der besonderen Lustempfindungen, die sich in der Ruhe einstellen, und ohne seelischen Aufwand durchzuführen; dadurch wird der Akt verlängert. In der Ruhe sinkt die Erregung wieder ein wenig ab, ohne jedoch, wie in pathologischen Fällen, ganz zu vergehen. Das Unterbrechen des Geschlechtsaktes durch Zurückziehen des Gliedes ist nicht unlustbetont, sofern es nach einer Ruhepause geschieht. Bei fortgesetzter Friktion steigert sich die Erregung stetig über das Niveau vor der Unterbrechung hinaus, erfaßt allmählich immer mehr und mehr den ganzen Körper, während das Genitale selbst mehr oder weniger gleichmäßig erregt bleibt. Schlieglich setzt infolge neuerlicher, gewöhnlich plötzlicher Steigerung der genitalen Erregung die Phase der unwillkürlichen Muskelkontraktionen ein.

6) In dieser ist die willkürliche Beherrschung des Ablaufs der Erregung nicht mehr möglich. Sie zeigt folgende Eigentümlichkeiten:

a) Die Steigerung der Erregung kann nicht mehr reguliert werden; sie beherrscht vielmehr die gesamte Persönlichkeit und bedingt Pulsbeschleunigung und tiefes Ausatmen.

b) Die körperliche Erregung konzentriert sich immer mehr auf das Genitale; es setzt ein süßliches Empfinden ein, das man am besten als Abströmen der Erregung vom Genitale beschreiben kann.

c) Diese Erregung bedingt zunächst unwillkürliche Kontraktionen der gesamten Genital- und Beckenbodenmuskulatur.
Sie laufen wellenförmig ab: Die Wellenberge fallen mit dem völligen Eindringen des Gliedes, die Wellentäler mit der Rückziehung zusammen. Sobald aber die Rückziehung eine gewisse Grenze überschreitet, setzen sofort krampfartige Kontraktionen ein, die den Samenerguß beschleunigen. Bei der Frau kontrahiert sich in diesem Falle die glatte Muskulatur der Scheide.

d) In diesem Stadium ist die Unterbrechung des Aktes für Mann und Weib absolut unlustvoll: Die Muskelkontraktionen, die den Orgasmus sowie die Ejakulation beim Manne vermitteln, laufen bei Unterbrechung krampfhaft anstatt rhythmisch ab; das bereitet heftigste Unlust und gelegentlich auch Schmerzempfindungen am Beckenboden und im Kreuz; überdies erfolgt der Samenerguß infolge des Krampfes früher als bei ungestörter Rhythmik. Die willkürliche Verlängerung der ersten Phase des Geschlechtsaktes (1-5 im Schema) bis zu einem gewissen Grade ist unschädlich und wirkt luststeigernd; dagegen ist das Unterbrechen oder willkürliche Abändern des Ablaufs der Erregung in der zweiten Phase schädlich, weil in ihr der Ablauf bereits reflektorisch erfolgt.

7) Durch weitere Verstärkung der unwillkürlichen Muskelkontraktionen und durch die Erhöhung ihrer Frequenz steigt die Erregung rasch und steil zur Akme an (III bis A in der Kurve); diese fällt normalerweise mit der ersten samenfördernden Muskelkontraktion beim Mann zusammen; jetzt setzt

8) eine mehr oder weniger starke Trübung des Bewußtseins ein; die Friktionen verstärken sich spontan, nachdem sie im Augenblick der »spitzen« Akme kurz ausgesetzt hatten, und der Drang, »ganz« einzudringen, wird mit jeder samenfördernden Muskelkontraktion intensiver. Bei der Frau laufen die Muskelkontraktionen in der gleichen Weise ab wie beim Mann; nur besteht psychisch der Unterschied, daß die gesunde Frau während und knapp nach der Akme »ganz aufnehmen« will.

9) Die orgastische Erregung teilt sich dem ganzen Körper mit und bedingt lebhafte Zuckungen der gesamten Körpermuskulatur. Selbstbeobachtungen von gesunden Personen beiderlei Geschlechts wie auch die Analyse gewisser Störungen des Orgasmus zeigen, daß das, was wir die Lösung der Spannungen nennen und als motorische Entladung empfinden (absteigender Schenkel des Orgasmus), vorwiegend ein Erfolg des Rückströmens der Erregung auf den Körper ist. Dieses Rückströmen wird als plötzliches Sinken der Spannung empfunden.

Die Akme stellte somit den Wendepunkt vom genitalwärts gerichteten zum entgegengesetzten Ablauf der Erregung dar. Der komplette Rücklauf der Erregung macht allein die Befriedigung aus, die zweierlei bedeutet: Umsetzung der Erregung im Körper und Entlastung des Genitalapparats.

10) Ehe der Nullpunkt erreicht ist, klingt die Erregung in sanfter Kurve aus und wird unmittelbar von wohliger körperlicher und seelischer Entspannung abgelöst; zumeist stellt sich auch ein starkes Schlafbedürfnis ein. Die sinnlichen Beziehungen sind erloschen, doch besteht eine »gesättigte« zärtliche Beziehung zum Partner fort, der sich das Gefühl der Dankbarkeit hinzugesellt.

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Im Gegensatz dazu empfindet der orgastisch Impotente bleierne Müdigkeit, Ekel, Abscheu, Überdruß oder Gleichgültigkeit und gelegentlich Hass gegen den Partner. Bei Satyriasis und Nymphomanie schwindet die sexuelle Erregtheit nicht. Orgastisch impotente Schlaflosigkeit ist eines der wesentlichen Kennzeichen des Unbefriedigtseins. Hingegen darf man nicht ohne weiteres auf Befriedigtheit schließen, wenn der Kranke berichtet, daß er nach dem Akt sofort einschläft.

Überblicken wir noch einmal die zwei Phasen des Geschlechtsaktes, so zeigt sich, daß die erste überwiegend durch das sensorische, die zweite durch das motorische Lusterlebnis gekennzeichnet ist.

Die unwillkürliche bioenergetische Zuckung des Organismus und der komplette Abbau der Erregung sind die wichtigsten Kennzeichen der orgastischen Potenz. Der gestrichelte Teil der Orgasmuskurve deutet die unwillkürliche vegetative Entspannung an. Es gibt Teillösungen der Erregung, die orgasmusähnlich sind;, sie wurden bisher für die 'eigentliche' Auslösung gehalten. Die klinische Erfahrung lehrt, daß die Menschen infolge der allgemeinen Sexualunterdrückung die Fähigkeit zur letzten vegetativ unwillkürlichen Hingabe verloren haben. Ich verstehe unter »orgastischer Potenz« gerade dieses letzte, bisher unbekannt gebliebene Stück der Erregbarkeit und Spannungslösung. Die orgastische Potenz bildet die biologische Ur- und Grundfunktion, die der Mensch mit allem Lebendigen gemeinsam hat. Sämtliche Naturempfindungen leiten sich von dieser Funktion oder der Sehnsucht nach ihr ab.

Der Ablauf der weiblichen Erregung unterscheidet sich in nichts von dem der männlichen.

Der Orgasmus fällt bei beiden Geschlechtern intensiver aus, wenn die Höhepunkte der genitalen Erregung zusammenfallen. Das kommt bei Menschen, die die Zärtlichkeit und Sinnlichkeit auf einen Partner konzentrieren können und entsprechenden Widerhall finden, sehr häufig vor und ist die Regel, wenn die Liebesbeziehung weder innerlich noch äußerlich gestört ist. In solchen Fällen ist zumindest die bewußte Phantasietätigkeit restlos ausgeschaltet; das Ich erfaßt die Lustempfindungen, auf die es ungeteilt eingestellt ist. Die Fähigkeit, sich trotz mancher Widersprüche mit der gesamten affektiven Persönlichkeit auf das orgastische Erleben einzustellen, ist eine weitere Eigenschaft der orgastischen Potenz.

Ob auch die unbewußte Phantasietätigkeit ruht, läßt sich nicht ohne weiteres entscheiden. Gewisse Anzeichen sprechen dafür. Phantasien, die nicht bewußt werden dürfen, können nur stören. Unter den Phantasien, die den Geschlechtsakt begleiten können, muß man diejenigen unterscheiden, die in Einklang stehen mit dem Sexualerleben, und die, die ihm widersprechen. War der Partner imstande, alle sexuellen Interessen wenigstens momentan an sich zu ziehen, so erübrigt sich auch die unbewußte Phantasie; diese steht wesensgemäß im Gegensatz zum realen Erleben, weil man nur das phantasiert, was man real nicht haben kann. Es gibt eine echte Übertragung vom Urobjekt auf den Partner. Er konnte das Objekt der Phantasie ersetzen, weil er sich in den Grundzügen mit ihm deckt. Erfolgt hingegen die Übertragung der sexuellen Interessen, obgleich sich der Partner mit dem Phantasierten in den Grandeigenschaften nicht deckt, bloß aufgrund neurotischen Suchens nach dem Urobjekt ohne die innere Fähigkeit zur echten Übertragung, so vermag keine Illusion das leise Gefühl der Unechtheit in der Beziehung zu übertönen. Dort fehlt die Enttäuschung nach dem Akte, hier ist sie unausweichlich; hier hat, so dürfen wir annehmen, die Phantasietätigkeit während des Aktes nicht geruht, sondern vielmehr der Erhaltung der Illusion gedient; dort verlor das Urobjekt an Interesse und damit auch die phantasieerzeugende Kraft; erstand es doch neu im Partner. Bei der echten Übertragung bleibt die Überschätzung des Sexualpartners weg; die Eigenschaften, die dem Urobjekt widersprechen, werden richtig eingeschätzt und toleriert; bei der unechten Übertragung ist die Idealisierung übermäßig groß und die Illusionen herrschen vor; die negativen Eigenschaften werden nicht wahrgenommen und die Phantasietätigkeit darf nicht aussetzen, sonst ginge die Illusion verloren.


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Je angestrengter die Phantasie, die den Partner dem Ideal angleicht, arbeiten muß, desto mehr büßt der Sexualgenuß an Intensität und sexualökonomischem Wert ein. Es kommt ganz auf die Art der Unstimmigkeiten an, die jedes länger dauernde Verhältnis zwischen Menschen zu begleiten pflegen, ob und in welchem Ausmaße sie die Intensität des Sexualerlebens herabsetzen. Die Herabsetzung wird um so eher zu einer krankhaften Störung, je stärker die Fixierung an das Urobjekt und die Unfähigkeit zur echten Übertragung ist, je größer ferner der Energieaufwand ist, dessen es bedarf, um die Ablehnung des Partners zu überwinden. Bis zu , dieser stelle' glaubten viele Leser des Buches sicher, daß ich übertriebe, wenn ich von der seelischen Pest sprach. Ich kann nur versichem, daß ich diesen Begriff nicht leichtfertig und auch nicht bloß als eine schöne Redewendung einführe, sondern ihn todernst meine. Millionenfach wirksam in den letzten sieben Jahren hat der »Stürmer« den deutschen und allen anderen Menschenmassen, die ihn lasen, nicht nur die genitale Kastrationsangst bestätigt, sondern darüber hinaus die in jedem schlummernden perversen Phantasien großgezüchtet. Es wird sich nach dem Untergang der Hauptträger der seelischen Pest in Europa zeigen, wie man mit diesem Problem fertig werden wird. Es ist nicht ein deutsches, sondern ein internationales Problem, weil Liebessehnsucht und Genitalangst internationale Tatsachen sind. Ich wurde von faschistischen Jugendlichen, die sich ein Stück natürlichen Lebensempfindens bewahrt hatten, in Skandinavien aufgesucht und gefragt, wie man sich zu Streicher, zur Rassentheorie und den anderen schönen Dingen verhalten solle. Etwas stimmte da nicht, meinten sie. Ich fasste die notwendigsten Maßnahmen in einem kurzen Resümee zusammen, das ich hier folgen lasse:

»Was ist zu tun?

Allgemein: Dieser reaktionären Schweinerei ist eine gut organisierte und sachlich korrekte Aufklärung über den Unterschied zwischen kranker und gesunder Sexualität entgegenzusetzen. Jeder durchschnittliche Mensch wird diesen Unterschied begreifen, weil er ihn selbst schon gefühlt hat. Jeder durchschnittliche Mensch schämt sich seiner perversen, krankhaften Sexualvorstellungen und sehnt sich nach Klarheit, Hilfe und natürlicher Sexualbefriedigung.

Wir müssen klären und helfen! Das kann auf folgende Weisen geschehen:

1) Alles Material sammeln, das den por. Charakter des Streicherismus ohne weiteres jedem vernünftigen Menschen klarlegt, in Flugblättern verteilen! Das Sexualinteresse der Masse muß in gesundem Sinne geweckt, bewußt gemacht und gestützt werden.
2) Sammlung und Verbreitung allen Materials, das der Bevöl-kerung zeigen kann, daß Streicher und seine Komplicen selbst
Psychopathen und Schwerverbrecher an der Volksgesundheit
sind! Und die Streicher gibt's überall in dieser Welt.
3) Enthüllung des Geheimnisses der Wirkung Streichers auf
die Masse: Er provoziert die krankhaften Phantasien. Die Be-völkerung wird gutes Aufklärungsmaterial mit Freuden ab- nehmen und lesen.
4) Die krankhafte Sexualität, die den Boden für die Hitlersche
Rassentheorie und die Streicherschen Verbrechen bildet, kann
nur dadurch bekämpft werden, daß man ihr die natürlichen
und gesunden Vorgänge und Verhaltungsweisen im Ge-schlechtsleben vor Augen hält. Die Bevölkerung wird den Un-terschied sofort begreifen und brennendes Interesse dafür zei-gen, wenn man ihr klarmachen wird, was sie wirklich will und nicht auszusprechen wagt- unter anderem:
a) Gesundes und befriedigendes Geschlechtsleben setzt die Mög-lichkeit, mit dem geliebten Partner allein und ungestört zu sein,
unbedingt voraus. Also: Wohnungsbau für alle, die es notwen-dig haben, auch für die Jugend.
b) Die Sexualbefriedigung ist nicht identisch mit der Fortpflan-zung. Der gesunde Mensch hat im Leben etwa drei- bis vier-
tausendmal Geschlechtsverkehr, doch durchschnittlich nur zwei
oder drei Kinder. Empfängnisverhütungsmittel sind unbedingt
notwendig für die sexuelle Gesundheit.
c) Die allermeisten Männer und Frauen sind durch die sexualunterdrückende Erziehung sexuell gestört, das heißt, sie bleiben
beim Geschlechtsverkehr unbefriedigt. Notwendig ist also die
Einrichtung genügender Krankenanstalten zur Behandlung der
sexuellen Störungen. Notwendig ist eine rationale liebesbeja-hende Sexualerziehung.
d) Die Jugend erkrankt an ihren Onaniekonflikten. Nur
Selbstbefriedigung ohne Schuldgefühl ist nicht gesundheits-schädlich. Die Jugend hat ein Recht auf ein glückliches Ge-schlechtsleben unter den besten Bedingungen. Sexuelle Absti-nenz ist auf die Dauer unbedingt schädlich. Krankhafte Phan-tasien verschwinden nur bei befriedigendem Geschlechtsleben.
»Kämpft um dieses Recht!«
Ich weiß, daß mit Flugblättern und Aufklärung allein nicht ge-dient ist. Es bedarf allgemeiner, gesellschaftlich gesicherter Ar-beit an der menschlichen Struktur, die die seelische Pest produ-ziert, die es Psychopathen ermöglicht, als Diktatoren und mo-derne Sexualpolitiker zu fungieren, die das Leben aller vergif-tet. Mit einem Wort, es bedarf der Freilegung der natürlichen Sexualität in den Menschenmassen und ihrer gesellschaftlichen Befürsorgung.

1930 war die Geschlechtlichkeit der Menschen ein gesellschaft-liches Aschenbrödel, ein Objekt fragwürdiger Reformgemeinden. 1940 ist sie zu einem Eckpfeiler gesellschaftlicher Problematik geworden. Wenn richtig ist, daß sich der Faschismus der sexuellen Lebenssehnsucht der Menschenmassen in irrationaler Weise mit Erfolg bediente und dadurch Chaos schuf, dann muß richtig sein, daß die Perversitäten, die er losbrechen ließ, durch die universelle rationale Lösung der Geschlechtsfrage gebannt werden können.

Die Ereignisse in Europa zwischen 1930 und 1940 hatten durch ihre Fülle an mentalhygienischem Material meinen Standpunkt in den Diskussionen mit Freud bestätigt. Das Schmerzliche an dieser Bestätigung waren die Ohnmacht, die man fühlte, und die Überzeugung, daß die Naturwissenschaft noch weit davon entfernt ist, real zu erfassen, was ich in diesem Buch den »biologischen Kern« der charakterlichen Struktur nenne.

Im großen und ganzen stehen wir als Menschen wie als Ärzte und Pädagogen den biologischen Fehlwirkungen des Lebens ebenso hilflos gegenüber, wie etwa die Menschen im Mittelalter den Infektionskrankheiten. Gleichzeitig fühlen wir die Gewißheit in uns, daß das Erlebnis der faschistischen Pest die notwendigen Kräfte in der Welt mobilisieren wird, mit diesem Zivilisationsproblem fertig zu werden.

Die Faschisten treten mit dem Anspruch auf, die »biologische Revolution« durchzuführen. Richtig ist, daß der Faschismus das Problem der neurotisch gewordenen Lebensfunktion im Menschen restlos aufwarf. Im Faschismus wirkt, vom Standpunkt der ihm folgenden Masse gesehen, zweifellos ein unbändiger Lebenswille. Doch die Formen, in denen dieser Lebenswille der Masse sich kundgab, verrieten allzu deutlich die Folgen uralter seelischer Versklavung. Zunächst brachen nur die perversen Triebe durch. Die nachfaschistische Welt wird die biologische Revolution durchführen, die der Faschismus nicht schuf, sondern notwendig machte.

Die folgenden Abschnitte dieses Buches behandeln Funktionen des »biologischen Kerns«. Seine wissenschaftliche Erfassung und soziale Bewältigung wird eine Leistung der rationalen Arbeit, der kämpferischen Wissenschaft und der natürlichen Liebesfunktion sein, eine Leistung echter demokratischer, mutiger und kollektiver Anstrengungen. Ihr Ziel ist das irdische materielle und sexuelle Lebensglück der Menschenmassen..........."


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