Hat unsere Geschichte so stattgefunden,
wie wir es glauben?


Kurzer Bericht
zum Seminar "Kritik der Geschichtsschreibung"
vom 06. - 08. Jan. 2002, BRD

Dem Interssierten möchte ich ein paar Daten mitteilen von einem Seminar, das unter der Leitung eines theol. Mag. und der Beteiligung von einem Dutzend meist akademischen Teilnehmern, darunter Lehrer, Pastoren, Universitätsprofessoren, am Beginn dieses Jahres stattfand. Es standen die "Chronolgiekritiker" oder auch "Geschichtsrekonstrukteure" im Mittelpunkt der zweitätigen Diskussion mit Uwe Topper.

Herrn Topper hatte ich schon im Jahre 2000 bei einem Seminar im Sommer in der Nähe der Externsteine kennengelernt, den damaligen Vortrag füge ich im Anhang bei.

Die Zeit über hat mich das Thema beschäftigt (siehe Literaturangeben) und um so erfreut war ich über das Gesprächsniveau dieses auch zeitlich sehr intensiven Seminares, an dem auch zwei antroposophische Pfarrer und ein Philophieprofessor teilnahmen; der Charakter der Bearbeitung des Themenkomplexes hatte zeitweilig den eines Erörterungsdisputes einer Dissertation, wobei jedoch die Argumente zur Verteidigung der wissenschaftlichen Herangehensweise dem Uwe Topper nicht wiederlegt werden konnten.

Vorweg: die Chronologie-Kritiker, zu denen in Deutschland ca. 20 Wissenschaftler zählen, es gibt in den USA eine Gruppe und an der Uni Moskau, welche am weitesten fortgeschritten erscheint und von dem Schachprofi Kasparow unterstützt und finanziert wird, sind überwiegend "Katastrophisten", gehen also von kosomischen Katastrophen am Ende des Altertums aus.

Zu den Kernaussagen:

- vor ca. 1350 n.Chr. gibt es keinerlei schriftliche Dokumente, was existiert sind behauptete Abschriften von Abschriften, rückdatierte Ereignisse, Rückberechnungen und Projektionen etc.

- das Christentum und auch die Bibeltexte (AT&NT als Bibelhandschriften einer einzigen Vorlage) sind nicht älter als höchstens 1000 Jahre

- antike Geschichtsmythen und ihre Personen, also das gesamte Schriftgut der Antike, sind eine Erfindung des Mittelalters, Orte und Personen sind teilweise bekannt (Die "Germania" des "Tacitus" wurde um 1420 in Hersfeld oder Fulda im Auftrag von Poggio Bracciolini für den Vatikan geschrieben und durch Nikolaus Cusanus eigenhändig nach Rom verkauft)

- die lateinische Sprache hat *so* in der Antike nicht existiert und ist eine Erfindung der Humanisten der Renaissance

- selbst "Schliemann" hat Fälschungen in Auftrag gegeben, um *etwas* zu finden

- sowohl die Thora als auch die hebräische Sprache sind nicht älter als aus ca. 1100 n.Chr., die Thora wurde u.a. in Toledo/Spanien verfasst.

Ähnlich wie Wolfram Zarnack in seinem Vortrag (Der Ursprung des christlichen Kreuzes im heidnischen Mal, Bad Meinberg-Horn 2000), welcher einiges Bildmaterial enthält von keltischen Kultgefäßen, Krücksymbolen oder der Swastika (Bodenrelief i.d. Kathedrale von Pesaro, zur Swastika siehe auch: Steven Heller, senior art director der New York Times und chair of the MFA design department at the school of visual arts,NY, in seinem Buch "The Swastika" ISBN 1-58115-041-5, NY 2000 für die neuere Zeit), also dem Kreuz als heidnisches Mal in christlichen Kirchen, geht auch Topper davon aus, daß das Heidentum starken Einfluß auf die ersten Christen hatte, was sich auch in den ersten Rundkirchen (Templer-Gründungen) zeigt. Ähnliches nennt auch Bettina Brandt-Förster in "Das irische Hochkreuz" 1980 ISBN 3-548-34028-8.

Nicht nur das, die älteste Sprache ist nun mal das "Deutsche", in der spanischen Sprache lassen sich gerade 7 "gotische" Wörter nachweisen, was den logischen Schluss nahelegt, daß *diese* Sprache die *eingeführte* ist zumal "Rumänisch" stark verwandt ist (nur mit der bulgarischen Grammatik). Es wurden einige Beispiele genannt für "Kunst-Sprachen", welche anschliessend als "Volkssprache" sich manifestiert haben.
Interessant sind noch die "Motive", warum also die Renaissance nicht die Wiederholung der Antike ist, sondern ihre Erfindungszeit, also warum katholische Kreise ein Interesse an der Herstellung dieser "Werke" gehabt haben könnten:

a. Märtyrer-Mythos für ein Feindbild gegen die Heiden
b. Glaubens-Implementierung zur Abwehr von Katastrophen-Ängsten
c. christl. Märtyrter als Vorwand für den Polizeistaat (Inquisition)
d. Die Erfindung der "massenhaften" "Blutzeugen" als überzeugender
Beweis
e. Reliquienkult als Finanzgier der Kirche

Ich wollte das nur mal als "Anstoß" hier vorbringen, denn interessant sind die Forschungsergebnisse allemal und ich bitte meine etwas ungehobelte Art der Darlegung zu entschuldigen, aber im Anhang ist das alles so gut erläutert.
mfg


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Literatur zum Thema "Chronologiekritik"

Uwe Topper
Erfundene Geschichte, Unsere Zeitrechnung ist falsch
München 1999, ISBN 3-7766-2085-4

Uwe Topper
Die "Grosse Aktion",
Europas Erfundene Geschichte,
Die Planmässige Fälschung unserer Vergangenheit von
der Antike bis zur Aufklärung
Tübingen 2000, ISBN 3-87847-172-6

Uwe Topper
Fälschungen der Geschichte,
von Persephonis bis Newtons Zeitrechnung
München 2001, ISBN 3-7766-2244-X

Heribert Illig
Das Erfundene Mittelalter,
Die größte Zeitfälschung der Geschichte
Düsseldorf 2000, ISBN 3-430-14953-3

Wilhelm Kammeier
Die Fälschungen der Deutschen Geschichte
Viöl 2000, ISBN 3-932878-40-X

Eine Zeittafel
zeitliche Übersicht in Form des benutzten Tafelbildes vom Seminar

chronos
(grösseres Bild anzeigen)

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Vortrag von Uwe Topper, gehalten im Juni 2000:

Die Erneuerung der
europäischen
Geschichtsschreibung

In der Schule lemten wir, daß der Zeitraum, der durch zeitgenössische schriftliche Äußerungen be-kannt ist, als Geschichte bezeichnet wird, und jener davorliegende Zeitraum, wo Schriftdokumente fehlen, als vorgeschichtliche Zeit. Das europäische Mittelalter zählt schulgemäß zur geschichtlichen Zeit, denn es ist durch Münzen, Dokumente und Inschriften reichlich belegt. Auch die Zeit vor dem Mittelalter, die klassische Antike, ist geschichtlicher Bereich, ebenso wie das alte Ägypten, Babylonien, Indien und China.

Als vorgeschichtlich gelten Kulturen wie z.B. die nordische Bronzezeit oder unsere eigene Groß-steinzeit. Diese müssen wir mit Hilfe archäologischer Techniken, etwa Ausgrabungen, rekonstru-ieren. Wir wissen nicht mehr, was sich damals bei uns abgespielt hat und können nur unter großem Aufwand ahnende Einblicke gewinnen.

Kulturen, die mit Erdschichten zugedeckt sind, können zumindest relativ zeitlich eingeordnet wer-den - also das Vorher und Nachher betreffend - , offen zutage liegende Reste wie Straßen, Ruinen oder Abdrücke sind schwer einzuordnen und gelten meist als jung. Ich erwähne diesen Punkt, weil ich mich seit Jahrzehnten mit den europäischen Gleisestraßen beschäftige, die angesehene Archäo-logen lieber nicht zur Kenntnis nehrnen. Mein heutiges Thema betrifft jedoch das Mittelalter.

- Archäologie nur als Hilfswissenschaft neben die geschichtlichen Do-kumente und ergänzt diese. Das allein ist schon skandalwürdig, da die geschichtlichen Dokumente fast durchgehend gefälscht sind. Die Archäologie könnte Klärung bringen, wird aber in diesern Zeitraum des Mittelalters nur als zusätzliche Kraft, als Hilfswissenschaft, anerkannt.

Anfang und Ende des Mittelalters liegen natürlich nicht jahrgenau fest. die Geschichtswissenschaft-ler haben sich grob geeinigt: Mit der Besiegung der Hunnen auf den Katalaunischen Gefielden 451 beginnt das Mittelalter, mit der Erfindung des Buchdrucks 1450 endet es. Wir haben also ein glat-tes Jahrtausend mittelalterlicher Geschichte, die angeblich keineswegs mühsam entdeckt und re-konstruiert werden müßte, sondern durch Chroniken und Diplome (das sind gerichtlich gültige Dokurnente) in ungeheuer großer Zahl bekannt sei.

Wer dieses Schema in Frage stellt und ihm den Boden entzieht, bereitet eine Revolution in der Ge-schichtswissenschaft vor und wirft alles um, was bisher als felsenfest gegolten hat, zusätzlich auch noch die Zeitrechnung, die als Gerüst den Bau gestützt hat. In meinem Vortrag geht es um genau diesen Punkt. Ich werde versuchen, in wenigen Worten etwas darzustellen, was Ihr gesamtes Weltbild verändem kann.

Geschichtsforscher wie der Spanier Antonio, der Franzose Hardouin, der Schweizer Baldauf und der Deutsche Kammeier haben festgestellt, daß die gesamte Geschichte des Mittelalters eine Erfin-dung ist. Praktisch alle Dokumente jenes Zeitraums sind später erst hergestellt worden, sei es als sogenannte Abschriften oder direkt als Fälschungen. Wir besitzen keine Originalhandschriften von irgendeinem Dokument oder literarischen Werk vor dem 12. Jahrhundert. Für die letzten drei Jahr-hunderte, also das 12. bis 14. Jh., das sogenannte Hochmittelalter, haben wir nur bedingt vertrau-enswürdige Texte in der Hand. Erst mit dem Beginn des Buchdrucks um 1450 haben wir Schrif-ten, deren Datierung, zweifelsfrei ist. Für die Zeit der Karolinger liegen überhaupt keine Doku-mente vor - und das betrifft auch die archäologischen Funde.

Unsere Kenntnis der europäischen Geschichte vom Ausgang der Antike bis zur Zeit der Staufer-kaiser ist ein wunderschöner oder auch häßlicher Roman wie irgeindeine Heiligenlegende: reine Glaubenssache und völlig unwissenschaftlich. Immer wieder haben Historiker einzelne Fäl-schungen aufgedeckt, doch der Blick, auf das ganze Ausmaß der Verschleierung und Neuschöp-fung unseres Geschichtsbildes ist erst in jüngster Zeit möglich
geworden. Der Begriff "Große Aktion", den Wilhelm Kammeier vor 70 Jahren geprägt hat, um-schreibt diesen jahrhundertelangen Fälschungsvorgang.

Die Erkenntnis, daß die mittelalterliche und klassische Geschichte recht junge Erfindungen sind, ist also keineswegs neu. Die Zeitgenossen der Fälscher selbst, vor allem einige Humanisten, reg-ten sich über die Fälschungen ihrer Kollegen auf und prangerten die Fehler an. Abt Trittheim und Celtes beschuldigten sich gegenseitig und hatten beide Recht darin: die von ihnen vorgelegten an-geblich antiken Texte entstammten ihren eigenen Fedem.

Auch in den folgenden Jahrhunderten, vor allem in der Aufklärung und dann wieder in der begin-nenden Wissenschaftlichkeit des 19. Jahrhunderts wurden die Fälschungen von vielen Gelehrten durchschaut und teilweise mit Skandalgeschrei aussortiert. Nur wenige Theologen gingen je-doch so weit wie Jean Hardouin, der französische Jesuit: Er stufte praktisch alle Werke der Klas-sik und der frühen Kirche als junge Erfindungen ein, wobei er sich auf Münzen, Inschriften und die wenigen übriggebliebenen Originalwerke (wie z.B. die Dichtung des Vergil) stützte. Obgleich man ihn nicht widerlegen konnte, nahm man seine Schlußfolgerungen nicht generell an, sondem wartete bis zu seinem Tod, um im alten Trott fortzufahren. Da aber die großen Chronologiefor-scher wie Scaliger und Pettau und der berühmte Isaac Newton selbst jene völlig unzuverlässigen Zeittafeln ausgedacht hatten, die seitdem mit wenigen Abstrichen bis heute in den Schulen und Universitäten gelehrt werden, besteht kaum Hoffnung, die Geschichte noch einmal unter unbefan-genem Gesichtspunkt neu zu schreiben.

In unserem eigenen Sprachbereich sind als kritische Wissenschaftler vor allem Aschbach zu nen-nen, der im 19. Jh. die Roswitha von Gandersheim und ähnliche Machwerke enttarnte; dann Ro-bert Baldauf, der Anfang dieses Jahrhunderts die Klassiker als Mönchsarbeit aufdeckte, und schließlich Wilhelm Kammeier, gestorben in den fünfziger Jahren in Thüringen, der die Entstehung des Christentums in neuem Lichte beschrieb. Seine genialen Bücher wurden auch in den letzten Jahren wieder aufgelegt und von den Chronologiekritikem mit Erfolg verarbeitet. Aber bis zur An-erkennung durch die Dogmatiker wird noch ein weiter Weg zu gehen sein. An unseren heutigen angeblich vorurteilsfreien Akademien ist Kammeier jedenfalls tabu. Nicht Wahrheitsliebe sondem Machtverhältnisse bestimmen über die Richtigkeit einer wissenschaftlichen These.

Wenn ich eimnal in aller Knappheit die Ergebnisse der kritischen Forschung der Jesuiten und der deutschen Philologen zusammenfassen und mit meinen eigenen Entdeckungen - vor allem im spanischsprachlichen Bereich - vereine, sind folgende fünf Punkte hervorzuheben:

1. Die Bibelhandschriften sind sehr spät hergestellt worden als Abschriften einer einzigen Vor-lage, vermutlich erst vor etwa tausend oder höchstens elfhundert Jahren. Die Schriften der so-genannten Kirchenväter sind nicht älter, sondern teilweise erst im 12. und 13. Jahrhundert an-gefangen, beendet erst in der Renaissance. Auch die Schriftrollen von Qumran und die masore-tische Thora sind höchstens tausend Jahre alt.

2. Praktisch das gesamte Schriftgut der klassischen Antike ist erst ab dem 11. Jh. verfaßt worden, das griechische in Konstantinopel am Kaiserhof und in Apulien und der Toskana durch grie-chische Flüchtlinge, das lateinische in mitteleuropäischen Klöstem, vor allem in Nord-frankreich, in Hessen und in Mittelitalien (z. B. Monte Cassino).

3. In der Renaissance wurde eine große Zahl von Chroniken gefälscht und dermaßen klug in die Geschichtsschreibung eingefügt, daß sie heute nicht mehr daraus zu lösen sind, ohne daß das gesamte Geschichtsbild abstürzt. Ich nenne hier nur die Werke des Tacitus ("Germania" und "Agricola") oder die Chroniken der Roswitha von Gandersheim als krasseste Beispiele. Die "Germania" wurde um 1420 in Hersfeld oder Fulda im Auftrag von Poggio Bracciolini für den Vatikan geschrieben und durch Nikolaus Cusanus eigenhändig nach Rom verkauft. Die "Roswitha.." ist ein um 1500 verfaßter Geschichtsroman des auch sonst als Fälscher bekann-ten Celtes und seiner rheinischen Freunde, die sich Pirkheimers Tochter zum Vorbild nahmen und eine kurz vorher entstandene Novelle benützten. Weitere notorische Beispiele wären der "Goldene Esel" des Apuleius, der aus dem 15. Jh. stammt, oder die "Selbstbekenntnisse" des Marc Aurel, die von mehreren Humanisten mit folgerichtiger Entwicklung im 16. Jahrhundert geschrieben wurden.

4. Auch die frühen Chroniken der Kirchengeschichte, auf denen unsere Vorstellung von der An-tike beruht, etwa die Texte eines Euseb oder des Berosius, die ja als Grundlage für unsere Da-tierung der ägyptischen und mesopotamischen Kulturen dient, sind erst von Humanisten erdacht worden.

5. Schrittweise mit dem Entstehen des antiken und frühchristlichen Schriftgutes wurde eine Zeit-rechnung erarbeitet, die irnmer größere Zeiträume umspannte. Die Jahrhunderte wurden wie Gummibänder gedehnt und immer länger. Die Herausbildung des Christentums, die vor höchstens einem Jahrtausend anzusetzen wäre, wurde um ein Ganzes Jahrtausend zurückver-setzt, Moses bekam noch ein Jahrtausend dazu und der völlig erfundene Abraham ein weiteres Jahrtausend. Dieser Erzvater liegt nun nach gängiger Anschauung rund 4000 Jahre vor heute, obgleich selbst die Theologen zumindest soweit nachgeben, daß diese Gestalt erst nach dem sogenannten babylonischen Exil, wahrscheinlich erst in den Makkabäerkriegen geschaffen wurde. Da an der Abrahamdatierung auch die Datierung der mesopotamischen und ägyptischen Kultur angeschlossen wurde und an diesen wiederum weitere Kulturen (wie z.B. die minoi-sche oder die indische), haben sie alle ein entsprechend hohes und völlig falsches Alter erhal-ten.

Eine kleine Gruppe von Geschichtsrekonstrukteuren ist nun dabei, ein völlig neues Geschichtsbild zu entwerfen; dieser Vorgang kommt einer Revolution im wissenschaftstheoretischen Sinne gleich.

Begonnen hatte es schon mit der literarischen Quellenkritik vor mehr als hundert Jahren, die uns ein neues Verhältnis zur Überlieferung bescherte.

Wie groß die Umgestaltung unseres Weltbildes durch die Kritik an den Quellen wurde, sagt Bern-heim 1912 (S.75), ich zitiere: das "kann man sich arn besten veranschaulichen, wenn man ein äl-teres gutes Handbuch der Geschichte mit einem guten neuen vergleicht. Da sieht man z. B. in den Genealogischen Tabellen von Johann Hübner, die 1708 erschienen sind und lange ein sehr ange-sehenes Handbuch waren, als Vorgänger des Frankenherrschers Chlodwig 1 aufgeführt eine ge-waltige Menge >Könige der Sikambrer, Könige der Westfranken und Herzöge der Ostfranken<, alle mit genauer Angabe der Regierungsjahre und genealogischen Verhältnisse; und von allen die-sen mehr als 60 Herrschern hat kein einziger überhaupt existiert, diese sämtlichen Daten sind durch die neuere Kritik mit Sicherheit als das allmählich erwachsene Produkt teils sagenhafter, teils ge-lehrter Erfindung nachgewiesen und sind selbst aus den bescheidensten Handbüchem verbannt worden." Zitat Ende. Dem möchte ich nur hinzufügen, daß auch Chlodwig bald auf diesem Weg seinen Vorgängern in die Versenkung literarischer Rornane folgen wird.

Wie meistens im Fall eines Paradigmenwechsels - und als solcher muß die augenblickliche Ent-wicklung der Geschichtsforschung bezeichnet werden - ist die philosophische Grundvorausset-zung dazu schon vor mehr als einer Generation gelegt worden. Ich möchte hier kurz auf das Werk von Friedrich Gundolf (eigtl. Gundelfinger, 1880-1931) hinweisen, das durch Ulrich Raulff (1992) neuerdings wieder zu Ehren gebracht wurde.
Gundolf, der zeitweilig zum Ste-fan-George-Kreis gehörte und dessen zentrales Thema die Leitfigur Cäsar und deren Rezeption im Laufe der europäischen Geschichte war, hat seinen Überblick über die deutsche Geschichtsschrei-bung von Tschudi bis Winckelmann leider nicht ausarbeiten können; das Fragment (postum durch Wind 1938 in Amsterdam herausgegeben, neu durch Raulff 1992) gibt aber doch einen Einblick in diese - für seine Zeit gewiß überraschend neue - Denkweise.
Seine Dissertation - ich zitiere nach Raulffs Nachwort (1992-. S. 120) - " >Cäsar in der deutschen Litteratur< spürt das Gedächtnis der Antike in einem allmählich erst werdenden, aus losen Fäden sich knüpfenden Gedächtnistext auf, aus dem sicli später die zwei bedeutendsten na-tionalen Diskurse, die Literatur und die Historie, allmählich herausdifferenzieren werden." Zitat Ende. Gundolf legt an die deutsche Geschichtsschreibung nicht den Maßstab der "Tatengeschichte" an (das wäre illusorisch), sondem die Kriterien der Literaturgeschichte. Damit dringt er in den Keim des Geschichtsbewußtseins der Deutschen vor.

Insofem ist die Historiographie der eigentliche Hersteller der Geschichte und damit in einem er-kenntnistheoretischen Zusammenhang der Verursacher der Geschichte. Zusammengefaßt: Ge-schichte ist nicht Niederschrift geschehener Taten, sondem Widerhall des Eindrucks, den einige Taten hinterlassen haben.

Gundolf verstand seine Arbeit keineswegs als nörgelnde Kritik an der Arbeit vergangener Jahr-hunderte. Skepsis oder Umsturz waren nicht seine Beweggründe. "Gegenaufklärerische Aufklä-rung" nennt Raulff diesen Standpunkt (S. 136). So besteht für Gundolf die Geschichtsschreibung nicht im Erforschen und Bewahren, sondem in der Auswahl und Neuschöpfung!
Die Helden sind geschichtlich wahr, sagt Gundolf, "weil sie nach tausend jahren sind, nicht weil sie vor tausend jahren waren." (1912; zit. in Raulff 122).
Ruhmrede ist ein Schlüsselbegriff für Gundolf, er be-greift sie als das Motiv aller Geschichtsschreibung. Das gemahnt mich an Ulrich von Hutten, der die Totenklage für den großen Cherusker als Aufruf zur Befreiung von Rom verfaßte. Im engeren Sinne ist es also ein religiöses Motiv, stellt Gundolf in seiner an der Edda geschulten Sichtweise fest. ("Eins weiß ich, das ewig währt: der Toten Tatenruhm"). Oder wie die Romantiker glaubten: "Aber was bleibet, schaffen die Dichter." Darum nennt Gundolf den wahren historischen Sinn "Divination" (1921, S. 49; zit. in Raulff 123).

Im Grunde ist dies eine Flucht nach vorn. Man hatte sehr wohl gemerkt, wie brüchig das Eis der Überlieferung ist. Durch immer schärfer angesetzte Kritik war man an einen Punkt gelangt, wo sich die Historie selbst in Nichts auflöste. So wie sich aus der theologischen Zerlegung der Schriften des Neuen Testaments ergeben hatte, daß dieser Jesus nicht gelebt haben konnte, so würden auch alle anderen Gestalten sich wie Nebel auflösen, Cäsar und Alexander so gut wie Se-sostris und Darius. Dagegen half nur der Sturm nach vorn: gläubige Bejahung der eigenen Ge-schichtsvorstellungen zum Zweck der Weitergabe einer Ordnung, die dem Gemeinschaftsgefüge den Halt gibt. Zwar wird die Vergangenheit damit zur Illusion, aber die Gegenwart der Ge-schichtsbilder wird zur unanfechtbaren Wirklichkeit. Dieses von Stefan Georges Weltschau inspi-rierte Ergebnis birgt schon die Grundlage für alle Forderungen der neueren Chronologiekritik.

Das hat nichts mit einer Relativierung der Exaktheit der Geschichtsschreibung zu tun: alles sei oh-nehin individuell gesehen, fehlerbehaftet, ideologieverzerrt oder durch Unwissenheit entstellt. Gundolfs absoluter und durchaus neuer Anspruch kehrt die Historie um in ihr wirkliches Muster: Die Vorbilder wie Cäsar, Alexander oder Karl der Große werden erst von Historikern geschaffen und damit zu wirklichen Heldengestalten.
In diesem Sinne sagte ich in meinem Buch "Die Große Aktion" im Vorwort (S. 9), daß ich nicht vorhabe, die Helden vom Sockel zu stürzen. Chronolo-giekritik ist kein Bildersturm, sondem ein überaus schwieriger Schöpfungsakt. Das Weltbild, das in dieser Phase neu entworfen wird, bestimmt auch in Zukunft unser Handeln.

Die Generation der Geschichtsforscher vor dem Ersten Weltkrieg äußerte sich als eine stürmische Bejahung der Phantasie und Phantasterei in der Geschichtsschreibung, die manchem heute als boshafte Fälschungsmethode erscheinen mag, damals aber mit dem Elan und dem Pathos der für das Vaterland glühenden Geister ihre Berechtigung hatte. Hierin leuchtet noch etwas vom dem Mut und der Genialität der Humanisten nach. Jakob Burckhardt drückte es ähnlich aus: Gesinnung, nicht Meinung, ist das Grundprinzip der Geschichtsschreibung..

So kann es auch für uns heute nicht darum gehen, den vergoldeten Überzug der alten lkonen abzufeilen, um die darunterliegende "echte" Gestalt des historischen Holzes freizulegen, sondern die einzelnen Phantasien als Teil der gesamten Geschichtsschau zu erkennen, als kollektives Be-wußtsein, das geschichtlich gewachsen und allmählich zum universellen Bewußtsein geworden ist.

Mit Kammeier habe ich diesen Vorgang der bewußten Herstellung der Geschichte als "Große Ak-tion" bezeichnet. weil tatsächlich eine umfassende Aktivität einer großen Gruppe von Schreibern erforderlich war, um unser heutiges Geschichtsbild zu erzeugen. Darnit ist keine negative Kritik verbunden - ich muß es wiederholen - auch keine Bitterkeit gegenüber dem machtigen Gegner, der katholischen Kirche und ihren gewissenlosen Dienern, sondern eine Feststellung, die wissen-schaftlicherseits bekannt und teilweise auch anerkannt ist. Nach dieser Erkenntnis fragt es sich, welche Schlüsse wir daraus ziehen können.

Die erste Frage, die ich mir stelle, ist die nach den Beweggründen: Was hat denn die Kirche und die Mönchsorden bewegt, als sie die "Große Aktion" in die Wege leiteten. Sie haben ja ganz un-glaubliche Geschichten über die Entstehung des Christenturms erfunden.
Analysiert man z.B. die Märtyrer-Legenden, dann finden sich ein ganzes Bündel wichtiger Motive für deren Erfindung. Denken wir zum Beispiel an die elftausend christlichen Jungfrauen, die von den bösen Heiden in Köln - ebenso wie in Breslau und Norditalien - verbrannt worden waren und heute in Forrn von elf Flammen im Kölner Stadtwappen verewigt sind, so merken wir an dieser wie auch an den meisten anderen Kirchenlegenden, welche Motive hinter diesem offensichtlichen Unsinn der christlichen Märtyrergeschichte hervorscheinen. Ich sehe einrnal davon ab, daß die Zahl elftausend einen mythischen oder kalendarischen Hintergrund haben kann und nehme die Legenden so, wie sie in den Büchern stehen: als Geschichtsereignisse.

Als Beweggründe habe ich herausgestellt:

1. Wenn so viele Menschen für den Glauben ihr Leben hingaben, dann muß dieser Glaube stark und wertvoll sein. Es adelt eine Religion, wenn sich die Anhänger für sie in den Tod stürzen. Nur für ethisch hochstehende Ideale läßt man sein Leben freiwillig: früher für die Freiheit - wie die Keltiberer - später für die Sippe und den Stamm, für Volk und Vaterland. Für eine Überzeugung zu sterben ist relativ neu, im Buch der Makkabäer ist dieses Motiv erstmals voll ausgebildet. Die christlichen Märtyrergeschichten sind deutlich im selben Kontext wie die ersten Makkabäerbücher verfaßt.

Dieses ist ein "edles" Motiv, im Gegensatz zu den folgenden fünf.

2. Mit der Einführung des Märtyrer-Mythos wurde dem Feind (d.h. den Heiden) die Schuld zu-geschoben. den ideologischen Krieg begonnen zu haben. Das ist offensichtlich ein Unding, da ja die Religion Roms gar nicht definiert war und die Begrenzung auf den Kaiserkult ebenfalls kirch-lich erfunden ist. Die Grausarmkeiten und Ungerechtigkeiten, die die Römer an friedliebenden wehrlosen Christen begingen, schreien zum Hirnmel und entehren die heidnische Religion. Dies ist ein verleumderisches Motiv.

3. Die Märtyrer können als Vorwand, ja Handhabe und Rechtfertigung für eine entsprechende Be-handlung des Gegners dienen, nachdem man sich durchgesetzt hat: Hexenprozesse oder die Ver-brennung von Lehrern wie Giordano Bruno durch die Kirche werden als Normalfall akzeptiert, wenn man damit vertraut ist, daß in der einen Entstehungsgeschichte der Kirche viele hunderttau-send Menschen auf ähnliche Weise umgebracht wurden.

Das ist ein machtpolitisches Instrument.

4. Mit der Erfindung- der Hunderttausende von Märtyrern wird Geschichte vorgegaukelt, und zwar Kirchengeschichte. Ein einzelner "Blutzeuge" wäre wenig wert. Aber die unübersehbare Menge christlicher Glaubenseiferer, die sich willig hinschlachten ließen, dienen als "Beweis" dafür, daß es damals eine sehr große Volkskirche gab, die noch viel mehr Menschen zur Verfü-gung hatte und nicht auszurotten war. Ihre Geschichtlichkeit wird damit zur Tatsache.
Dieses Mo-tiv verschafft Ansehen - denn hohes Alter ist stets ehrwürdi,g - und ist heute unwiderlegbar ge-worden.

5. Mit den Gebeinen der ermordeten Christen konnte ein ausgedehnter Reliquienkult getrieben werden. Das Bedürfnis danach muß im Volk vorhanden gewesen sein, es wurde nur in neue Bah-nen gelenkt und schamlos ausgenutzt. Reliquienverehrung wurde zu einem wichtigen Wirtschafts-zweig des Mittelalters.
Dieses Motiv entblößt die Geldgier der Kirche.

6. Die im Himmel versammelten Märtyrer wurden zu einer großen Mitstreitermacht ausgebaut, ihre Fürbitte wurde auch für die Lebenden unverzichtbar. Es entstand ein geistiges Arsenal, stets einsatzbereit und manipulierbar, das nicht nur Geld und Gut einbrachte, sondern auch geistige Überlegenheit.
Ich möchte dieses Motiv modern gesprochen als psychologische Kriegsführung bezeichnen.

Die Beweggründe für die kirchliche Geschichtsschreibung waren also von dieser ideellen Art, sie waren von klugem Verstand und weitblickender Absicht getragen.
Im Gegensatz dazu steht die offizielle Lehre, daß die Mönche in den mittelalterlichen Klöstern - also von Augustin und Cas-siodor bis zu den ersten schöpferischen Dichtern der italienischen Renaissance, Petrarca und Dante und Boccaccio - nur das geistige Gut der Antike und der Kirchenväter abgeschrieben hätten, um es über die Generationen hinweg zu bewahren, ohne selbst sich von den darin enthaltenen Gedanken zu eigenen Schöpfungen bewegen zu lassen.

Ich halte das für psychologisch undenkbar und behaupte mit Kammeier: Die Niederschrift der anti-ken Literatur durch unsere Mönche ist ein schöpferischer Vorgang gewesen, der sowohl in seiner Gewalt wie auch in den Auswirkungen nirgends seinesgleichen findet.

Bei aller Bewunderung und Kritik dieser theologischen Leistung darf nicht übersehen werden, daß damit auch ein chronologisches Problem aufgetreten ist: Es muß sehr viel weniger Zeit zwi-schen dem Ende der Antike (dem angeblichen Ende originaler schriftstellerischer Tätigkeit) und der Renaissance (ihrer Wiedergeburt) liegen; d.h. das angebliche Jahrtausend zwischen Augustin und Dante, das selbst den Humanisten schon als 700 Jahrspanne vorkam, muß sehr viel kürzer gewe-sen sein, sonst wird die unfruchtbare Zeit zu einem Monstrum und völlig unerklärbar.

An einigen Bauten - ich nehme als Beispiel gern den Dom zu Syrakus, der durch die Normannen direkt in einem noch brauchbaren klassischen Tempel errichtet wurde - oder auch an Mosaiken - hier wähle ich gern Ravenna und Palermo - läßt sich kunsthistorisch zweifelsfrei erkennen, daß zwischen der Antike und dern Christentum ein fast bruchloser Übergang verläuft, und zwar im 12. und 13. Jh.
Dieser Wandel ist in ganz Europa, besonders schön auch im westgotischen Spanien, festzustellen; er betrifft eben die von Kammeier und seinen Vorläufem erkannte Entstehung des Christentums im Hochmittelalter.
Insofern hat die Kirche zwar Recht mit der Darstellung, dieses Christentum sei in kurzer Zeit - weniger als 300 Jahren - aus der Antike entstanden, nur muß die-ser Vorgang, um glaubwürdig zu werden, im 11. bis 14. Jh. vor sich gegangen sein.

Für eine derartige Verschiebung des Zeitstrahls kann ich zahlreiche Beispiele anführen, hier möchte ich den berühmten Mystiker Dionysius Areopagita betrachten, dessen Schriften auf das christliche Abendland eine nur noch mit Aristoteles und Augustin vegleichbare Wirkung ausgeübt haben.
Er gehört also zu den drei wichtigsten Schriftstellem des christlichen Abendlandes. Dieser Dionysius wird in der Apostelgeschichte (17.34) erwähnt, war demnach Zeitgenosse Jesu und seiner Jünger. In Athen wurde er von Paulus zum Christentum bekehrt. Zum Bischof von Athen aufgestiegen konnte ihm natürlich nichts besseres passieren, als zum Märtyrer für die junge Kirche zu werden.
Die Schriften, die ihm die Kirche zuschreibt, sind aber selbst nach Meinung moderner Theologen erst um 500 in Palästina entstanden, denn in ihnen Nverden Plotin uiid Proklos verarbeitet.

Christliche Lehre und neuplatonische Spekulationen vermischen sich zu einem gnostischen Brei, der erst von dem Schotten Eriugena wieder aufgegriffen wird, indem er ihn angeblich ins Lateinische übersetzte (man lese hierzu Sigrid Hunke).
Der Ketzer Eriugena wird durch katholische Chronologie auf 877 angesetzt, lebte aber frühestens im 12. Jh. und ist Miturheber dieser Gedankenwelt.
Da springt die Kirche also zuerst über 800 Jahre, dann noch 300 Jahre weiter, wenn man die Fehler korrigiert.

Andererseits soll aber schon Abt Hilduin von Sankt Denis (d.i. Paris) urn 823, also ein halbes Jahrhundert vor Eriugena, das erste vollständige lateinische Gesamtwerk des Areopagiten herge-stellt und schlauerweise diesen Mann als Bischof Denis, der angeblich um 250 das erste französi-sche Kloster geweiht habe, identifiziert haben.
So wurde der Jünger des Paulus und erste Bischof von Athen zum Gründer der französischen Mönche und zurn Nationalheiligen von Frankreich, mit einem Abstand von 200 Jahren.

Wir haben also nun drei zeitlich verschieden eingeordnete Personen, die als Dionysius Areopagita in der Kirche im Umlauf sind. Wer dessen Bücher wirklich schrieb, ist aber aus ihrein Inhalt durchaus erschließbar.
Da dieser Inhalt der Kirche zeitweise mißfiel, schob man als Urheber zunächst einen Ketzer namens Apollinar aus dem 4. Jh. vor, was spanische Jesuiten noch im 17. Jh. besonders günstig fanden.
Aber schon Lorenzo de Valla - der berühmte Humanist, der die Konstantinische Schenkung als Fälschung aufdeckte - hatte 1457 die Widersprüche angeprangert: Kein Lateiner vor dem großen Gregor und kein griechischer Kirchenvater kannte diesen Diony-sius.
Zusätzlich wurde dessen Behauptung, fern von Palästina die Sonnenfinsternis beim Tode Jesu gesehen zu haben, damals durch astrononlische Rückberechnung als Lüge entlarvt.

Was nun die Manuskripte anbetrifft, so erkennen wir hier das typische Vorgehen der Großen Ak-tion: Es gibt eine große Zahl von Handschriften, angeblich 150 griechische, der größere Teil sei sogar vollständig erhalten.
Aber - alle sind gleichzeitig bekannt geworden und keine Abschrift zeigt eine spätere Bearbeitung. Und die in dem Werk des Dionysius genannten anderen Schriften hat es nie gegeben.
Soviel erkennen die Akademiker und Theologen selbst, ohne sich darüber Sorgen zu machen.

Da ich in meinen Büchem schon gezeigt hatte, daß Augustin eine recht späte Erfindung des christlichen Abendlandes ist, - was ich jetzt hier nicht wiederholen kann - ergibt sich zwangsläufig, daß auch dieser Dionysius frühestens im 13. Jh. gelebt haben wird.

Ich kann das auch in diesem Fall vom Inhalt her nachweisen.
Eine Textprobe des Dionysius überführt ihn sofort: Seine mystischen Ergüsse sind typisch sufisch. Das hatte Asin Palacios, der spanische Theologe und Orientalist, schon 1931 erkannt. Die Schriften des Dionysius stammen über weite Strecken vom Größten Meister, von Ibn el Arabi, dem andalusischen Sufi im 13. Jh..
Nicht nur sinngemäß, sondern bis in die einzelnen Ausdrücke hinein ist die Ideenwelt der Sufis in den Schriften des Dionysius enthalten. Und darüberhinaus be-schreiben beide - was sonst selten ist - die Frau als erotisches Erlebnis der Gottheit.
Das ist nicht willkürlich zu allen Zeiten zu erwarten, das ist ein Sonderfall, der sogleich Rückschlüsse erlaubt: Wir befinden uns im höfischen Hochmittelalter, nicht in der Zeit Jesu.

Jede Zeitepoche trägt ihren ganz eigenen Geist. Der aus den Schriften des Dionysius wehende Geist gehört zu den himmelstrebenden gotischen Domen, gehört zur Verarbeitung und Eingemein-dung der arabischen Welt und zur Entstehung der ersten Nationalkirche in Frankreich.
Dionysius kann nur im 13. Jh., als man ihn begeistert las und diskutierte, geschrieben haben.

Wenn die kirchlichen Einstufungen diesen Theologen zuerst ins 1. Jh. legten, dann ins 3. Jh., auch ins 5. und sogar 9. Jh., dann bleibt nur die Feststellung, daß mit diesen Machenschaften eigentlich je-der Heilige und Märtyrer fast beliebig in der Geschichte herumgeschoben werden kann.

Um anzudeuten, daß ich das nicht alles nur allein behaupte, will ich einen populären Geschichts-philosophen erwähnen, den ich kürzlich las: Hans Mühlestein, der den zwangsläufig inneren Zusammenhang zwischen den alten Etruskern und der Bewegung der Bo-gomilen herausgearbeitet hat, freilich ohne den Zeitgraben von anderthalb Jahrtausenden, der da-zwischen klafft, überbrücken zu können.

Natürlich kann man es da halten wie Oswald Spengler in seinem "Untergang des Abendlandes", wo er seine Erkenntnisse über den inneren Zusammenhalt geschichtlicher Geistesströmungen mit vollkommener Sicherheit vorträgt und Jahrhunderte mit Leichtigkeit überspringt, ohne als Recht-fertigung eine neue Chronologie vorlegen zu wollen. Wer aber die künstliche Arbeit der großen Chronologen des 16. und 17. Jahrhunderts, Scaliger, Petau und Newton, kritisch geprüft und die Unhaltbarkeit dieses Gerüstes vor Augen hat, wird auch diesen Schritt vorantun müssen und un-sere Zeittafeln als unrealistisch verwerfen.

Zu diesem Punkt kann ich hier nur einige Hinweise geben, da dieses komplexe Thema einen eige-nen Vortrag ausmachen würden:
An einer einheitlichen Zeittafel, die Antike, Christentum und Neuzeit miteinander verbindet, haben zahlreiche mittelalterliche Gelehrte gearbeitet, aber erst seit etwa 1450 schält sich so etwas wie eine gemeinsame Abmachung heraus, die als Grundlage benützt werden konnte.
Diese noch reichlich fabulierte Chronologie wurde dann schrittweise durch die genannten großen Chronologen, vor allem also Scaliger und Newton, mit angeblich wissen-schaftlichen Beweisen zur Norm erhoben, wobei sich Scaligers System gegenüber dem um meh-rere Jahrhunderte anders kalkulierenden Newtonschen Entwurf durchsetzte, weil Petau es verbes-sert hatte.
Grundlage für Scaliger war eine Olympionikenliste, die den Zeitraum von glatt 1000 Jahren dokumentieren sollte und von seinem Freund Casaubonus in Paris zu diesem Zweck erfun-den worden war.
Newtons Grundlage war zwar ehrenhafter aber dennoch nach heutigen Maßstä-ben völlig wertlos: eine sagenhafte Angabe über den Frühlingspunkt zur Zeit der Argonautenfahrt ergab für ihn rechnerisch den gewünschten Zeitabstand, der die biblischen Generationenregister als die älteren und damit besseren hinstellte; denn dem sehr religiösen Newton ging es hauptsächlich darum, das hohe Alter der jüdischen Erzväter zu bestätigen.
Wenn man auch heute weiß, wie hin-terlistig und dumm diese Zeittafeln aufgestellt sind, macht sich doch kaum jemand die Mühe, sie einrnal kritisch zu untersuchen oder gar durch realistischere Berechnungen zu ersetzen. Diese Auf-gabe hat sich die Gruppe der Zeitrekonstrukteure gestellt.

Es bleibt nun dennoch eine Frage übrig, die ein neues Problem aufzeigt, das nur zu gern ver-schwiegen wird.

Wenn dieser ganze Vorgang der fälschenden Geschichtsneuschreibung, wie ihn Hardouin und Kammeier und viele andere Geschichtskritiker angeprangert haben, erst seit Beginn des 15. Jh. abgelaufen ist, dann muß davor etwas Ungeheuerliches, ein katastrophales Ereignis, stattgefunden haben, das alles vorhandene Wissen dermaßen auslöschte, daß eine falsche Neuschöpfung möglich war.
Gewiß mag die Vernichtung der Wissenden durch Ketzerprozesse und die Zerstörung der Bücher und Dokumente durch die Inquisition als Erklärung herangezogen werden.
Außerdem müssen wir die Pest als verheerenden Faktor einbeziehen, besonders jenen ersten Ausbruch ab 1348, der in Europa vor allem die Stadtbevölkerung drastisch verringerte und damit das geistige Leben um mehrere Schritte zurückwarf.
Dennoch reichen mir diese Erklärungen nicht aus, denn es müßte immer noch ein Rest geblieben sein, der auch den einfältigsten Humanisten den wahren Sachverhalt klargemacht hätte, viel mehr noch den großen Aufklärern des Barock, die gewiß keine Mühe gescheut hätten, die ganze erlogene Historie zu verwerfen.

Waruni mußte Papst Martin (V) ab 1417 Ausgrabungen vornehmen lassen, um das antike Rom sichtbar zu machen?
Warum lagen die klassischen Bauten unter meterhohem Schutt?
Wie kommt es, daß die Fälscher so leichtes Spiel hatten?

Wenn die enorme Zeitspanne, die durch die Kirche als Erklärung vorgebracht wurde, nun mit unserer neuen Hypothese hinfällig wird, dann handelt es sich nicht mehr um den Schutt der Jahrhunderte, sondern um eine gewaltige Zerstörung, um Katastrophen von enormen Ausmaßen, die zwischen der so nahen Antike und der modernen Zeit liegen.

Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius (II), schrieb anläßlich seiner Reise zum Konzil von Ba-sel 1432, daß diese (ehemals römische) Stadt durch dicht aufeinander folgende Erdbeben von Grund auf zerstört worden sei und ein völlig neues Aussehen habe, wie aus einem Guß erbaut, ohne jegliche Altertümer.
Das hat sich dieser scharfe Geist bestimmt nicht ausgedacht, nur den Zeitpunkt, den er für die Katastrophe angibt, nimmt er aus einer Zeittafel, die mit unserer noch nicht vergleichbar ist.
Er sagt, dieses Unglück sei der Stadt Basel irn Jahre 800 zugestoßen. Für unsere heutige Rechnung wäre das 632 Jahre vor Piccolominis Reise.
Nach einem so langen Zeit-raum soll die Stadt immer noch ohne jegliche Altertümer und wie aus einem Guß neu erbaut ausge-sehen haben? Vermutlich lag das schicksalschwere Jahr 800 (eine runde Zahl, die mit der Weltun-tergangshysterie der damaligen Cleriker zusammenhing) nur ein oder zwei Generationen vor dem Konzil von Basel.

Die seit etwa zwei Jahrzehnten tätige Gruppe der Geschichtskritiker, die auch den fast vergessenen Kammeier wieder zu Ehren brachte, spricht wegen der Häufung der Katastrophenberichte in den Jahren um 1350 von einem "Bisher letzten großen Ruck" im Sonnensystem. Ohne Katastrophe und damit verbundenem Unverständnis der Verganaenheit ist weder eine Neuschöpfung der litera-rischen Antike noch eine künstliche Vergrößerung des Zeitabstandes psychologisch erklärbar.

Gerade über dieses Ereignis - sowohl den Zeitpunkt als auch die Ursachen der Katastrophe - ist je-doch praktisch nichts bekannt.

Egon Friedell hat vor 70 Jahren versucht, den Pestausbruch ab 1348 als unmittelbare Folge einer kosmischen Katastrophe hinzustellen.
Das ist bis heute die ein-fachste Lösung des Problems, was nicht bedeutet, daß es die richtige Lösung wäre.
Die Vernich-tung der Kenntnis dieser Katastrophe ist geradezu vorbildlich und wirkt bis heute nach. Wer dar-über auch nur andeutungsweise spricht, ist in akademischen Kreisen erledigt.

Man -beginnt an den Universitäten gerade erst die Katastrophe der Endkreidezeit, also die Vernichtung der Saurier durch ein kosmisches Ereignis vor 60 Millionen Jahren, als Diskussionsmöglichkeit zuzulassen.
Näherliegende Vorkommnisse wie das Eiszeit-Ende sind noch nicht universitätswürdig.

Bliebe also die Frage, warum die Katastrophe vertuscht wurde mit dem enormen Aufwand einer Geschichtsschöpfung fast aus dem Nichts.

Die Antwort auf diese alles bewegende Grundfrage liegt in der Erfindung eines christlichen Gottes, der "gnädig" statt schicksalshaft und "gerecht" statt willkürlich in die biologische Schicht auf dem erkalteten Planeten Erde eingreift - eine völlig wahnwitzige, absolut unwissenschaftliche und ge-gen jede Erfahrung gerichtete Schutzerfindung der Menschen, wie sie vor allem direkt nach einer Katastrophe aufgebracht werden mußte.
Dieser neugeschaffene christliche Versöhnergott war die einzige Garantie gegen den sehenden Wahnsinn der Ritter, die immer noch zu Recht fürchteten, daß ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könne.

Den verheerenden Kometen und den Sprüngen in der Erdkruste, die ganze Kontinente zerstückelten, der Pest und den Heuschreckenschwärmen, die weit jenseits jeder Beeinflußbarkeit liegen, konnte nur ein extrem gütiger Universalgott mit väterlichen Liebeseigenschaften entgegengestellt werden, wollte man nicht dem krassesten Nihilismus ausgeliefert sein.
So mußte vor allem die jüngste Katastrophe aus dem Gedächtnis gelöscht werden.
Dieses Ziel hat die katholisch gelei-tete "Große Aktion" angesteuert und - rückwärtig betrachtet - auch mit außergewöhnlichem Erfolg fast bis heute erreicht.

Zahlreiche Menschen. die das Geaenteil wußten und weitergaben, mußtein darum ihr Leben las-sen. Die Hexenverfolgungen spielten sich vor diesem Hintergrund ab. Wer ein offenes Universum sah und Chaos statt Ordnung, wurde verbrannt.

In den Streitschriften des 15. Jahrhunderts ist das Problem noch offenkundiung. Die Papstgünstlinge Nikolaus Cusanus und Johannes Regiomontanus verfochten mit großer Schärfe die These, daß die Planetenbahnen stabil seien und keineswegs von Zeit zu Zeit abweichen und dadurch Unheil verursachen könnten. Das aber muß wohl belhauptet worden sein.
Wie auch sonst - etwa aus den Anti-Ketzerschriften der Kirchenväter - spürt man hier nur aus den erhalten gebliebenen Gegenschriften, was bekämpft werden sollte. Die naturwissenscha-filichen Erkenntnisse, die aus den Katastrophen gezogen worden waren, sind verloren, sind ver-nichtet.

Bei der kirchlichen Aktion handelt es sich demnach tatsächlich um eine gelungene Vergangenheits-bewältigung, die jene früher recht häufig auftretende Weltuntergangshysterie verhindem soll.
Es gab ja durchaus andere religiöse Formen, die jenes Urtrauma, die kosmischen Katastrophen, ver-drängen oder überlagern sollten. Ich denke an die maßlosen Menschenopfer der Azteken, die ver-mutlich erst 100 oder 150 Jahre vor der Christianisierung Mexikos begonnen hatten, also nach 1350.

Mit- dem heutigen hohen Stand der Wissenschaft sind derartige Zauberhandlungen nicht vereinbar, ebensowenig wie eine Fälschung der Geschichte oder ein Verschweigen der Katastrophen.
In den technologisch führenden Staaten der Erde werden aufwendige Programme entwickelt, die eine zu-künftige kosmische Katastrophe vorherberechnen sollen und natürlich denkt man auch an Ab-wehnnaßnahmen, wobei die Einzelheiten noch der Geheimhaltung unterliegen.

Da Verdrängung eines Traumas stets zu Fehlhandlungen führt, halte ich es für an der Zeit, die wahren Ursachen der Großen Aktion aufzudecken und durch das Verständnis unserer Geschichte zu einem rationaleren Umgang mit den Menschheitsproblemen zu gelangen.

Literatur:
Burckhardt, Jakob (1905): Weltgeschichtliche Betrachtungen (postum)
Curtius, Emst Robert (1948): Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter
(8. Aufl. Bem1973)
Friedell, Egon (1927-3 1): Kulturgeschichte der Neuzeit (München)
Gundolf (Gundelfinger), Friedrich (1904): Cäsar in der deutschen Litteratur (Diss., Berlin)
(1921): Dichter und Helden (Heidelberg)
(1992): Anfänge deutscher Geschichtsschreibung von Tschudi bis Winckelmann (mit
Nachwort von Ulrich Raulff; Frankfurt/M)
Hunke, Sigrid (1997) : Europas eigene Religion (Tübingen)
Mühlestein, Hans (1957): Die verhüllten Götter (München)
Spengler, Oswald (1923): Der Untergang des Abendlandes (München)
Topper, Uwe (1977): Das Erbe der Giganten( Olten)
(1982): Sufis und Heilige im Maghreb (Köln)
(1988): Das letzte Buch (München)
(1998): Die >Große Aktion( (Tübingen)
(1999): Erfundene Geschichte (München)

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Bücher von Uwe Topper

(1977) Das Erbe der Giganten. Untergang und Rückkehr der Atlanter (Walter-Verlag, Olten und Freiburg) (mehrere Auflagen; Gesarntautlagenhöhe 35000)

(1986) Märchen der Berber (Diederichs Verlag, Köln) - (2. Auflage Rowohlt 1996)

(1988) Wiedergeburt. Das Wissen der Völker (Rowohlt. Reinbek bei Hamburg. Aufl. 10 000)

(1988) Erdbefragung. Anleitung zur Geomantik (Droemer-Knaur. München)

(1988) Arte Rupestre en la Provincia de Cädiz (Provinzverwaltung Cädiz, Spanien)

(1984/1991) Sufis und Heilige im Maghreb. Marokkanische Mystik (Diederichs. Köln) < noch beim Autor zu bekommen für DM 40.->

(1991) Das letzte Buch. Die Bedeutung der Offenbarung des Johannes in unserer Zeit (Hugendubel, München) < noch beim Autor zu bekommen für DM 40.->

(1991) Cuentos populares de los Bereberes (Miraguano. Nfadrid. 2. Aufl. 1998)
ISBN 84-78 13- 110-8

(1999) Erdbefragung - Die arabische Orakelkunst - Ein deutsches Handbuch zum eigenen
Gebrauch (2. Aufl. in Österreich) ISBN 3-9005 89-22 1-6

(1998) Die »Große Aktion«. Europas erfundene Geschichte (Tübingen; 2. Aufi. 1999)
ISBN 3-87847-1721-6

(1999) Erfundene Geschichte. Unsere Zeitrechnung ist falsch (Herbig, München)
ISBN 3-7766-2085-4

Die letzten sechs Bücher sind noch käuflich zu erwerben:

Die "Sufis" und das "Letzte Buch" durch Bestellung beim Autor, die übrigen vier durch Bestellung im Buchhandel über die angegebene ISBN-Nummer.

Außerdem können einzelne Artikel und Vorträge beim Autor bestellt werden, vor allem die in "VFG- Zeitensprünge" und "Efodon-Synesis" erschienenen Beiträge.

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Die erfundene Antike

Eugen Gabowitsch
Die erfundene Antike
Teil 2

Die neue Jahrhundertzählung war zuerst nicht mehr als ein technischer Notbehelf, verstärkte allerdings bald
die Neigung der Historiker, Ereignisse und Zeugnisse auch dann nach der Zeitfolge einzuordnen, wenn man für
sie keine feste Jahreszahl kannte - und das waren noch immer die meisten.

BORST, ARNO: Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas. Berlin: Wagenbach, 1991, S. 85

19. Jahrhundert: Berühmtester Erfinder der Antike Poggio Bracciolini wird entlarvt

Den späten, also humanistischen Charakter einzelner „antiker“ Werke haben englische, deutsche und französische Historiker des 19. Jahrhunderts festgestellt. Sie haben sich überwiegend mit der Entlarvung des berühmten „römischen“ Historikers Tacitus als einen erfundenen Autor beschäftigt und seine Werke als Apokryphen bezeichnet, also ihn und „seine“ historischen Schriften als ein Produkt der Renaissancezeit. Eine kritische Betrachtung von „Annalen“ und „Geschichte“ von Tacitus begann Voltaire in seinem „Philosophischen Lexikon“. Weitere kritische Stimmen folgten, aber erst am Ende des 19. Jahrhunderts begann man ganz offen darüber zu sprechen, dass die Tacituswerke eine Renaissancefälschung darstellen. 1878 veröffentlichte John Wilson Ross (1818-1887) in London das Buch „Tacitus and Bracciolini: the Annals forged in the XVth century“ („Tacitus und Bracciolini: die Annalen wurden im 15. Jahrhundert gefälscht“), in welchem er die Beweisführung für die Fälschung der Tacituswerke durch den oder nach einer Bestellung von dem berühmten italienischen Humanisten Poggio Bracciolini präsentierte. 1890 führte der Franzose P. Hochart im Buch „De l‘Authenticite des Annales et des Histoires de Tacite” (Authentizität von Annalen und Geschichten von Tacitus) einen noch detaillierteren und noch besser begründeten Beweis dafür, dass Poggio die Werke von Tacitus fälschte oder fälschen ließ. In einem zusätzlichen Band antwortete er seinen Kritikern und vertiefte die Beweisführung noch weiter.

2Antike1
Abb. 1: Diese eindeutig spätmittelalterliche Festung Eluitherai im Nordwesten von Attika stammt nach Meinung der Wissenschaftler aus dem -4. Jahrhundert. Wissenschaft macht blind: Sie bemerkt keine Spuren des Mittelalters, weil für sie viel lohnender ist, alles der Antike zuzuschreiben.

1920 veröffentlichte Leo Wiener im Buch, „Tacitus‘ Germania and other forgeries” („Germania von Tacitus und weitere Fälschungen”) seine philologische Untersuchung der Tacituswerke und behauptete, dass auch Araber an dieser Fälschung beteiligt gewesen seien. Alle diese kritischen Arbeiten wurden durch Historiker ignoriert. In Russland wurden sie in mehreren Büchern propagiert. Morozov zitierte ausführlich aus diesen Büchern und benutzte diesen Fälschungsfall für die Begründung seiner totalen Ablehnung der Antike. Auch Fomenko hat in mehreren Büchern den Fall detailliert beschrieben. Die entsprechenden Seiten aus der ersten englischen Übersetzung eines der Bücher Fomenkos veröffentlichte Günter Lelarge auf der Internetzseite der Zeitschrift „Zeitensprünge“. Leider wurde dieser Text von der Seite später entfernt (Herr Illig mag keine Zitate von Fomenko). Auch Uwe Topper in seiner „Großen Aktion“ beweist die Unechtheit von „Germania“. Die Argumentation von Morosov wurde von Postnikov komprimiert und systematisiert präsentiert. Nach Postnikov kann man die Argumente von Hochart folgendermaßen darstellen:

1. Die Manuskripte der Tacituswerke sind Zweifel erregend.
2. Die Umstände der Auffindung der Manuskripte mit Hilfe von Poggio initiieren starke Verdachtsmomente über eine gezielte Fälschungsaktion.
3. Es gibt viele „Informationen“ in „Annalen“ und „Geschichten“, deren Beschreibung unter den Bedingungen „seiner“ Epoche für Tacitus unmöglich war.
4. Es sind viele Spuren der Renaissancezeit in den Texten von Pseudo-Tacitus.
5. Die hohe Meinung vom klassischen Stil von Tacitus verschwindet beim Vergleich mit anderen Schriftstellern, die der gleichen Epoche zugeordnet
sind.
6. Die Neigung zur Pornografie, die eine typische Erscheinung des 15. Jahrhunderts war, weckt weitere Verdachtsmomente. Übrigens wird auch die Echtheit von Petronius, der die gleiche Neigung hat und auch von Poggio „gefunden“ wurde, aus dem gleichen Grund angezweifelt.
7. Es herrscht die Meinung, dass verschiedene spätere Historiker wie Flavius,
Plutarchos, Svetonius, Tertullian, u.a. Angaben von Tacitus wiederholen.

In Wirklichkeit aber ist es umgekehrt: er hat diese Angaben aus den Schriften dieser Autoren entnommen.

2Antike2
Abb. 2: Die heutige Ruinenstadt Mistra war noch im 19. Jahrhundert bewohnt. Als eine intakte Stadt zeigt sie diese alte Zeichnung (Stich) aus dem 17. Jahrhunderts (Athen, Gennadios-Bibliothek). Oben steht „Misitra ehemals Sparta“ auf Latein geschrieben. Genau das behauptet Fomenko auf Grund seiner chronologischen Recherchen. Das Ende der Stadt kam nach der Gründung von Neu-Sparta durch König Otto im Jahre 1831.

Zur Person von Poggio Bracciolini (angeblich 1380-1459) schrieb Lelarge, auf seine Fomenko-Übersetzung stützend, folgendes in einer Internetzdiskussion:

„Nehmen wir nur den berühmtesten Finder von antiken Dokumenten, der nach der Meinung von Zeitgenossen schreiben konnte wie die Kirchenväter - und auch die bis dahin unbekannte Germania von Tacitus unter mysteriösesten Umständen fand: Der aufwendige Lebensstil Poggio Bracciolinis war teuer und bewirkte, dass er immer in Geldnot war. Eine zusätzliche Einnahmequelle war die Suche, die Präparation und die Herausgabe von Manuskript-Kopien antiker Autoren. Es war eine sehr profi table Quelle ... für das 15. Jahrhundert. Mit Hilfe des Florentinischen Wissenschaftlers und Herausgebers ... Niccolo di‘ Niccoli (angeblich 1363-1437) gründete Poggio Bracciolini so etwas wie eine Werkstatt, um mit antiker Literatur zu handeln, und versammelte Mitarbeiter, sehr gelehrt, die aber alle mit einer grauen Vergangenheit waren. Die ersten Fundstücke wurden von Poggio Bracciolini und Bartelomeo die Monte Pulciano zur Zeit des Konstanzer Konzils gemacht. In dem verlassenen feuchten Turm des St. Gallener Klosters, in dem ein Gefangener nicht drei Tage überlebt hätte, hatten sie das Glück, einen ganzen Haufen antiker Manuskripte zu finden, nämlich die Werke von Quintilian, Valerius Flaccus, Asconius Pedianus, Nonius Marcellus, Probus und anderen. Diese Entdeckung war nicht nur sensationell, sondern schuf auch eine literarische Epoche.“ (Fomenko, 247, S. 363-366). „Bracciolini ‚fand‘ einige Zeit danach Fragmente ‚von Petronius‘ und Calpurnius‘ Bucolica (ibid.). Die Umstände, unter denen all diese Funde gemacht wurden, wurden durch niemanden und nirgendwo abgeklärt. Außer mit den Originalen handelte Bracciolini mit Kopien, die er für enorme Geldsummen verkaufte. Zum Beispiel erwarb er nach dem Verkauf einer Kopie von Livius an Alfonso von Aragon eine Villa in Florenz. Er verlangte 100 Dukaten vom Herzog von Estais (1.200 Francs) für Eusebius‘ Briefe. Poggios Kunden waren die Medici, Sforza, D‘Estais, aristokratische Familien Englands, das Herzogtum von Burgund, die Kardinäle Orsini und Colonna, so reiche Leute wie Bartelomea di Bardis, Universitäten, welche zu dieser Zeit ... gerade den Grundstock für Büchereien legten oder leidenschaftlich ihren Buchbestand erweiterten.

Die wichtigsten Kopien von Tacitus‘ ersten und zweiten mediceischen Handschriften wurden in florentinischen Buchläden aufbewahrt, unter deren Direktoren auch Poggio war.

Laut traditioneller Geschichte waren diese Kopien die Prototypen aller anderen antiken Manuskripte von Tacitus. Die erste gedruckte Ausgabe wurde 1470 von dem ‚zweiten‘ mediceischen Manuskript angefertigt oder von einem anderen Manuskript, das in der venezianischen Libreria Vecchia bei St. Markus verwahrt wird.“ Auch Hochart vermerkt, dass Poggio klare finanzielle Interessen hatte, neue Manuskripte zu „finden“, dass er literarisch sehr begabt und klassisch gut gebildet war und durchaus imstande war alleine oder mit seinen Mitarbeitern zusammen alle von ihm „gefundenen“ „antiken“ Manuskripte zu fälschen. Die Atmosphäre der Epoche war sehr förderlich für die „Wiederbelebung“ von klassischen Göttern, Künstlern und Schriftstellern.

Antike als eine Erfindung der Renaissance

Philologisch wurde um 1900 von Robert Baldauf begründet, dass viele mittelalterlichen Werke Früchte des Renaissancegeistes darstellen. Damit rückt "die Antike " in die unmittelbare Nachbarschaft der Renaissancezeit. Noch mehr: Im vierten Teil seines nie vollständig veröffentlichten Buchs "Historie und Kritik " (Einige kritische Bemerkungen), den er als "IV. Das Altertum [Römer und Griechen] " betitelte und im Eigenverlag 1902 als eine Broschüre veröffentlichte, kommt Baldauf zum folgenden Schluss: "Die durch weite Zeiträume getrennten: Homer, Aeschylus, Sophokles, Pindar, Aristoteles sind etwas näher zusammenzurücken. Sie sind wohl alle Kinder eines Jahrhunderts. Ihre Heimat ist aber gewiss nicht das alte Hellas, sondern das Italien des 14/15. Jahrhunderts gewesen, unsere Römer und Hellenen waren die italienischen Humanisten.

Noch einmal: Die auf Papyrus und Pergament geschriebene Geschichte der Griechen und der Römer ist durchweg die auf Erz, Stein etc. geschriebene, zum großen Teil eine geniale Fälschung des italienischen Humanismus. Der Humanismus war es, der verkündete: exegi monumentum aere perennius! " ( "Ich habe mir ein Denkmal, fester als Kupfer, errichtet ".

Erste Zeile aus einer berühmten Ode von Horatius, frei übersetzt – E.G.). Baldauf sieht diese Fälschung nicht als eine isolierte Aktion, sondern als einen Teil der Fälschung der Geschichte.

So schreibt er weiter:
"Aber das ist nur die eine Seite des Humanismus. Sein zweites großes Werk ist die Aufzeichnung, d. h. Fälschung der Bibel, des Alten wie des Neuen Testaments — und diese beiden Fälschungswerke ließen ein drittes erstehen, die Fälschung der ganzen frühmittelalterlichen Quellenliteratur. Planmäßig, systematisch erdichtet, erfunden ist die ganze Geschichte der europäischen Völker von Anfang an bis ins 13. Jahrhundert, verfälscht bis in die Zeit der Reformation.

Der italienische Humanismus hat der Erde die schriftlich fixierte Welt des Altertums und die Bibel geschenkt, und im Verein mit den Humanisten der andern Länder die Geschichte des frühen Mittelalters.

Die Periode des Humanismus ist keine receptive Zeit gelehrten Sammel eifers gewesen, sondern eine Welt der ureigensten, produktivsten, ungeheuerlichsten geistigen Thätigkeit: Über ein halbes Jahrtausend ist die Bahn gegangen, die er gewiesen hat. Das Christentum hat bis ans Ende des 13. Jahrhunderts nur in der Tradition bestanden, in der Tradition, die durch die Welt germanischen Götterglaubens tief beeinflusst war, und aus dieser mit heidnisch- germanischen Elementen durchsetzten christlichen Tradition schöpften die italienischen Bibelschriftsteller. Diese Behauptungen klingen abenteuerlich, mehr als seltsam, aber sie lassen sich beweisen, einige der Beweise liegen hier vor. Andere werden folgen, sie werden folgen, bis der Humanismus in seinem innersten Wesen erkannt ist. Thöricht wäre es, über die vorliegenden Thesen ‚zur Tagesordnung überzugehen‘. ‚es giebt mehr ding‘ im himmel und auf erden, als eure schulweisheit sich träumt, Horatio!‘ "

Diese weiteren Beweise haben die russischen Antikeforscher, wie wir schon teilweise gesehen haben und unten noch einmal betont werden, erbracht. Es ist erstaunlich, wie nah die Folgerungen von diesen an den Schlüssen von Baldauf liegen, obwohl die Russen seine Schriften nicht kannten.

2Antike3
Abb. 3: Athen: Ein früher Stadtplan. Der Parthenon sieht wie eine „ganz normale“ Domkirche aus, keinesfalls wie eine notreparierte „altgriechische“ Ruine. Das war die Kirche der Jungfrau Maria.

Wilhelm Kammeier und seine Kritik des Mittelalters

Zwar findet man schon bei Wilhelm Kammeier einige scharfe Bemerkungen über das Wesen der Spätantike, aber zu einem Konzept der erfundenen Antike ist er nicht durchgedrungen. Sein Hauptverdienst ist die Verbreitung der klaren Vorstellung von der Fälschung der mittelalterlichen Geschichte. Hier einige seiner Beobachtungen, die unseren geschichtlichen Vorstellungen widersprechen:

• Die Stadt Rom existiert erst seit dem 15. Jahrhundert. Im 14. Jahrhundert war Rom nur ein Dorf mit ein paar unbedeutenden Ruinen.
• Die römisch-katholische Kirche und das Papsttum konnten nur im ausgehenden 14. Jahrhundert entstehen.
• Die Vorstellung von einem großen Schisma der christlichen Kirche im 14. Jahrhundert ist eine große Lüge.
• 1300 existierten noch keine Universalkirche und kein universal-kirchliches Dogma.

Also sehen wir bei Kammeier die gleiche Verschiebung der Geschichte um rund elf Jahrhunderte wie bei Fomenko, wenn auch ohne klare Verallgemeinerung chronologischer Art. Etwas mehr mit der Erfindung der Antike hat seine scharfe Beobachtung zu tun, dass auf eine sehr geheimnisvolle Art von allen wichtigsten Werken der Antike ins Mittelalter nur je ein Exemplar gerettet wurde. Fast nie mehrere Exemplare, sondern beinahe immer genau ein einziges Exemplar. Die so erhaltenen Exemplare gehörten ins 5. bis 9. Jahrhundert. Er kommt zum Schluss, dass dies von einer Fälschung der antiken Werke spricht, sieht aber die Existenz der Antike dadurch nicht gefährdet, sondern folgert daraus die Existenz einer großen Verschwörung. Kammeier hat ein Kapitel der Verfälschung der Germania von Tacitus gewidmet und dabei auch den Bericht Caesars über den Gallischen Krieg als verfälscht angesehen. Er zweifelt aber nicht an der Existenz von Caesar und Tacitus und auch nicht an der ursprünglichen Autorschaft dieser beiden, sondern er ist überzeugt, dass diese Werke uns in einer verfälschten Form vorliegen.

Der grobe Schwindel oder die erfundene Antike

Im deutschsprachigen Raum beschäftigte sich mit dem Thema der Antikeerfi ndung Dr. Roman Landau (Hamburg), Historiker, Journalist, Fotograf und Herausgeber von geschichtskritischen Büchern. Er und seine Autoren, die aber noch nie anders als "Papiertiger " in Erscheinung getreten sind, haben etwa zehn Bücher veröffentlicht, und einige davon behandeln das Thema dieses Artikels. Man kann durchaus vermuten, dass sich hinter der ganzen "Hamburger Neuen Historischen Schule " nur der Mentor selbst verbirgt und damit einen Bourbaki mit der Innenseite nach außen darstellt (bei Bourbaki veröffentlichen zahlreiche Mathematiker verschiedene Bücher un- ter diesem einen Künstlernamen). Hinter dieser nett aussehenden Zurückhaltung verbirgt sich ein originell denkender und scharfsinniger Kritiker, der neue Bilder der Vergangenheit gut beschreibt, aber leider nichts von der viel weiter gehenden russischen kritischen Forschung weiß.

2Antike5
Abb. 4: Nicht schlecht wurde die spätmittelalterliche Kirche der Jungfrau Maria gebaut, wenn sie nach einer gewaltigen Schießpulver-Explosion immer noch so aussah. Nämlich endlich wie ... Parthenon.

Der Erfindung der Antike widmeten die "Hamburger Schüler " zwei Bücher:
von Lucas Brasi, was ein Pseudonym von Ralph Davidson sein soll (das Buch hieß 1995 "Der grobe Schwindel " und 2005 "Die erfundene Antike "), sowie "Der Zivilisationsprozess " von Ralph Davidson, zu welchem Hanna Eisler eine Einführung schrieb. Im Vorwort zur zweiten Auflage schrieb er folgendes: "Diese Arbeit ist die überarbeitete Version von ‚Der große Schwindel‘, der 1995 erschien und bei vielen kritischen Historikern auf großes Interesse gestoßen ist. Heribert Illig schrieb z. B. im Juni 1994, dass er diesen Text mit dem größten Vergnügen gelesen habe (vermutlich noch als Manuskript – E. G.) und erstaunt war, wie zwei Menschen aneinander vorbei forschen und zu vielen ähnlichen Problemstellungen finden wie im Falle von uns beiden. Insbesondere die Gleichsetzung von Tyrus und Troia fand er nachdenkenswert, aber auch bei den Ethnien und Völkern fand er meine Argumentation sehr überzeugend. "

Noch ein Zitat:
"Es ist erstaunlich, dass die griechischrömische Antike heute immer noch für eine Realität gehalten wird. Und dass sich so viele intelligente Menschen an der Ausschmückung dieser Fiktion beteiligen. Wie ist das möglich? Vermutlich hängt es damit zusammen, dass jeder Gelehrte nur einen kleinen Teil der Fiktion überblickt. Und dass die historischen Wissenschaften so hochgradig arbeitsteilig sind, dass der Einzelne überfordert wäre, das Gesamtbild kritisch zu hinterfragen. Möglich wäre natürlich auch das, was Matthias Hone (DIE WELT) kürzlich festgestellt hat: Dass wir einfach zu blöd sind und laufend an unserer eigenen Blödheit scheitern. "

Dass seine Kollegen Historiker eine Mafi a darstellen, die mit aller Gewalt und mit ihrer Herrschaft in den Massenmedien die Menschheit absichtlich zwingen, an die von dieser Mafi a ausgedachten Märchen zu glauben, lässt er nicht zu. Noch mehr: Er selber hat noch vor kurzem vielen Märchen seiner Zunftgenossen Glauben geschenkt: "Die eigentliche Schwäche des Textes, die sich erst im Laufe der Jahre herauskristallisierte, bestand aber darin, dass ich noch zu vieles aus der herrschenden Lehre für wahr erachtet hatte. (Weitere Studien, vor allem aber intensives Nachdenken, führten dann zu dem Text ‚Der Zivilisationsprozess‘, der den vorliegenden Text in gewisserweise im Hegelschen Sinne ‚aufhebt‘.) Heute halte ich die griechischrömische Antike in einem noch größerem Maße für ein Produkt der mittelalterlichen Geschichtsklitterung als damals. " Ob diese Deklaration mit dem Titel "Die erfundene Antike " voll übereinstimmt, bleibt dem Leser vorbehalten: Ist doch das Buch mit der alten Ausgabe fast identisch. Auch hat es der in Mailand geborene und in München und London studierende Brasi, der als freier Schriftsteller 1995 in Lausanne lebte, in diesen Jahren nicht geschafft, die englische Übersetzung von Fomenko zu lesen (auch Kammeier und Baldauf scheint er nicht zu kennen). Die chronologischen Erkenntnisse von Fomenko, die die ganze Antike in die spätmittelalterliche Epoche katapultieren, lassen ihn völlig kalt (übrigens versucht er, seine ganze Kritik durchzuziehen, ohne das Wort Chronologie nur zu erwähnen). Trotzdem gibt er zu, "dass Platon (als Mensch) natürlich erstens nie existiert hat und die (also "seine " – E. G.) Texte zweitens im Mittelalter geschrieben worden sind ". Weil der so überlieferte Platon viele Fehler enthält, die sich "erstaunlicherweise auch in antiken Platonzitaten, vor allem bei Schriftstellern der Kaiserzeit, finden ", kommt Brasi zum Schluss, dass auch die antiken Schriftsteller der Kaiserzeit sehr verdächtig sind. "Hätte man Platon in Athen gelesen und verwirklicht, dann hätte es die griechische Antike nämlich nicht geben dürfen: ‚Hätte er als Gesetzgeber das Hellenentum beherrscht, dann wäre damals durch ihn nahezu die gesamte wissenschaftliche und schöngeistige Literatur der griechischen Antike öffentlich verbrannt worden.‘ (156, Orth bandt) ". Dass Kritiker Brasi keinesfalls die Antike radikal streicht, sondern diese nur im Rang etwas herunter schiebt, zeigt sein Reklametext auf dem Buchumschlag: "Die Geschichte der griechisch-römischen Antike ist voller Ungereimtheiten, die von der offi ziösen Historiografi e zwar nicht geleugnet werden, über die man aber nur höchst ungern spricht. Um diese Ungereimtheiten aufzulösen, analysiert ... Brasi die wichtigsten Quellen der Antike. Aus der sich daraus ergebenden Indizienkette wird deutlich, dass unser Bild von der Antike eine Fiktion ist. Athen und Rom waren keine Zentren der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Macht, sondern Randgebiete der orientalischen Hochkulturen. Alexander der Große war ebenso wenig ein Europäer wie Aristoteles. Unser Bild von der Antike, das wir hauptsächlich den (militaristischen) Staats-Historikern des 19. Jahrhunderts verdanken, ist sowohl mit den Quellen-Texten als auch mit den Fakten der Hilfswissenschaften unvereinbar. "

Gut und schön, aber der Antike- kritiker Brasi vergisst, dass die "orientalischen Hochkulturen " auch nur ein Märchen der Historiker sind, die auf der falschen Chronologie und Verdoppelung und Vervielfachung der späteren vorderasiatischen Kulturen des Mittelalters basieren. Die Notwendigkeit einer vollständigen Streichung der Antike aus der konventionellen Chronologie folgt laut Morosov, Postnikov und Fomenko auch aus der Analyse und genaueren Datierung mit Hilfe der retrospektiven Berechnungen der astronomischen Angaben in den "antiken " Schriften.

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Abb. 5: So sah die alte Notation für Choralmusik aus.

Die Antike als Spätmittelalter

Anatoli Fomenko, ein Schüler von Postnikov, was die Geschichtskritik anbetrifft, setzte die Kritik von Morozov fort und errichtet ganz klare Vorstellungen von der Fälschung der Antike. Seine sehr detaillierte Theorie, in der er für viele historische Persönlichkeiten der Antike (insbesondere der "römischen ") ganz klar die mittelalterlichen Prototypen nennt, wurde in zahlreichen Büchern nach und nach entwickelt und fand im Buch aus der Literaturliste zu diesem Artikel 2005 eine vorläufige Vollendung. Dieses dicke Buch, in dem allein der Hauptteil ohne Anlagen rund 650 Seiten hat, kann hier leider nur stichwortartig beschrieben werden. Die griechische Antike betrachtet Fomenko als ein Abbild der mittelalterlichen Geschichte Griechenlands im 11. bis 16. Jahrhundert, was eine chronologische Verschiebung um etwa 1800 Jahre bedeutet. Dazu einige Stichworte und Gleichsetzungen (bei allen ist die chronologische Verschiebung etwa 1750 bis 1820 Jahre lang):

Berühmter Perserkönig Darius I. = Friedrich II., König von Sizilien (1296-1337) und Oberherrscher von Athen seit 1311 [M. E. passt zu Darius besser der andere Friedrich II., der letzte der großen Stauferkaiser (Kaiser seit 1220, gest. 1250), der ein deutscher König seit 1198 und auch ein König von Sizilien war.]
Perserkönig Kyros = Karl I. von Anjou (König 1265-1285).
Homer = Dichter Saint Homer aus dem Homer (oder Omer)-Geschlecht, deren Vertreter am Krieg in Italien (=Großgriechenland) teilnahmen, in dem der siegreiche Karl I. von Anjou ein Ende der Stauferdynastie im Reich erzwang. Den Krieg hält Fomenko für de Prototyp des Trojakrieges.
Perserkönig Kambyses = Karl II. von Anjou (König von Neapel 1285-1209).
300 Spartaner von Leonidas = 300 gut bewaffnete mittelalterliche Ritter
des Herzogs Jean de la Roche, die 1275 in der Nähe der Thermopylen eine riesige Armee der Türken, Griechen und Kumanen besiegte.
Peloponesischer Krieg = Krieg in Griechenland in den Jahren 1374-1387 zwischen dem Herzogtum Athen und der Navarresen-Armee an der Halbinsel Peloponnes.
Sparta der griechischen Antike = mittelalterlicher Despotat von Mistra (1348-1460).
Der antike Platon = mittelalterlicher Philosoph Plethon (gest. 1450 oder 1452).
Phillip II. = Sultan Mechmet II. (1432-1484).

Ende der klassischen Periode in Griechenland = Eroberung des Byzantinischen Kaiserreichs durch die Osmanen (15. Jahrhundert). Die Identifi zierung der römischen Kaiserzeit mit der Zeit der Staufer, die Fomenko detailliert begründet, versetzt die ganze Antike in das Spätmittelalter. Es muss aber keinesfalls bedeuten, dass wir die konventionelle Beschreibung des Spätmittelalters für besonders glaubwürdig halten sollten. Diese Gleichsetzung ist eine Gleichsetzung der Beschreibungen, nichts mehr.

Geschichte der Musik: Antike = Mittelalter

Eine sehr starke Unterstützung bekamen Kritiker des Antike-Phantoms von einer völlig unerwarteten Seite. Der professionelle Historiker der Musik, russischer Wissenschaftler, Professor des Konservatoriums in St.-Petersburg und Autor zahlreicher Bücher, Forschungsartikel und Beiträge in verschiedenen Enzyklopädien Eugen Herzmann (russisch: Gerzman) veröffentlichte ein dickes Buch (mit Abbildungen fast 600 Seiten), in dem er Ergebnisse seiner 21 Bücher, Lehrbücher und Broschüren, seiner 47 Forschungsartikel und mehrerer Vorträge zusammenfasste. Der Autor ist ein habilitierter Historiker und ein führender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Russischen Institut für Kunstgeschichte in St.-Petersburg.

In seinem Buch wurden fast 300 musikalische Manuskripte analysiert. Und der Autor hat eine vollständige Liste aller bekannten Musiker des Altertums zusammengestellt, sowie aller musikalischen Traktate, und die entsprechenden chronologischen Daten unter die Lupe genommen. Er versuchte auch herauszufinden, wie diese Daten entstanden sind. Sein Schluss ist niederschmetternd: Praktisch für kein altes Manuskript (er fand nur eine Ausnahme von dieser Regel) ist es möglich, die Zeit der Entstehung sicher festzulegen.

Die Geschichte der alten Musik wurde in den letzten vier Jahrhunderten entwickelt. Die gängige Datierung wurde auf Grund der konventionellen Chronologie der Weltgeschichte produziert. Wenn in einem Manuskript solche Namen wie Aristoteles, Euklid, Plutarchos, Ptolemaios, Kassiodor etc. vorkamen oder wenn man diese bekannten historischen Persönlichkeiten für Autoren dieser Werke hielt, dann wurden auch die Manuskripte in die entsprechende Epoche datiert. Wenn aber ein Autor keine Spuren in der Geschichte hinterließ, was oft vorkommt, dann wurden die Traktate sehr willkürlich und ungefähr datiert. Leider hat man diese Datierungen mit der Zeit immer mehr für absolut richtig gehalten. Wenn aber eine Datierung von Anfang an sehr ungenau war (z. B. "am Anfang unserer Jahreszählung "), dann hat jeder Forscher sich frei gefühlt, ein ihm passendes Jahrhundert auszuwählen, was auch praktisch so geschah und zu Schwankungen im Rahmen von einigen Jahrhunderten führte.

Trotzdem war die allgemeine Meinung die gleiche, wie in der Chronologie der Weltgeschichte: Die Chronologie der Musik ist abgeschlossen und gut bekannt. Lange stellte keiner z. B. die Frage, ob ein Autor Euklid auch wirklich mit dem Mathematiker Euklid unbedingt identisch sein muss (oder war). Und als man doch zum Schluss kam, dass es ein Pseudo-Euklid war, wusste man nichts über die Datierung seines Lebens. Trotzdem blieb man bei der alten Datierung nach Lebensjahren des Mathematikers. Wichtig sind viele Bemerkungen allgemeiner Natur, die das Buch enthält. So ist der Autor der Meinung, dass jede neue Generation der Wissenschaftler unbedingt die Grundlagen ihres Wissensgebiets hinterfragen soll.

Wenn man ganz sicher ist, dass mit der Basis der Kenntnisse alles in Ordnung ist, kann man zur eigenen Forschung übergehen. Dass diese Hinterfragung eine sehr schwierige, oft fast unmögliche Sache ist, erfuhr er aus seiner eigenen Forschungsarbeit: Sehr lange hatte er keinen Zweifel an der Richtigkeit der Musikchronologie gehabt und ruhig im Rahmen der traditionellen Vorstellungen von der Geschichte der Musik gearbeitet. Man muss den Mut aufbringen, um Fragen auch über die "ganz klaren " Aspekte einer Theorie zu stellen und auch die kleinsten Diskrepanzen detailliert zu erforschen. Nur die Wissenschaftler waren wirklich erfolgreich, die gegen den Mainstream der Wissenschaft zu agieren wagten. Und man muss immer in Erinnerung halten, dass "die einzige Garantie (für die Richtigkeit unserer historischen Vorstellungen – E. G.) die Autorität der heutigen Wissenschaft in Form der angenommenen historischen Chronologie ist, und keine andere Garantie, wie scheint, existiert ".

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Abb. 6: Das Buch von Eugen Herzmann. Der Umschlag zeigt eine „antike“ Musikantin und einen alten Musiker aus alten Zeiten, der mit alten Zeichen eine Melodie aufschreibt. Oder?

Herzmann kommt zum Schluss, dass die vorhandenen Kenntnisse über die Musik in den Jahrhunderten -13. bis 5 (das sind insgesamt 18 Jahrhunderte) nur für die Belegung von zehn Jahrhunderten der Musik in dieser Periode ausreichen. Acht Jahrhunderte sind überfl üssig. Auch in der byzantinischen Geschichte kann man aus elf Jahrhunderten nur sechs letzte mühsam belegen. Noch eine unerklärliche Tatsache stellt die ganze Chronologie der Antike in Frage: Nur in den Jahrhunderten -5 und -4 ist eine Entwicklung der Musik vorhanden. In der ganzen Zeit vorher und nachher bleibt die Musik plötzlich stehen und entwickelt sich überhaupt nicht mehr weiter. Aus seiner Expertensicht ist so etwas absolut unmöglich: Musik ist eine lebendige Kunst und hat sich immer sehr schnell weiterentwickelt. Auch in der byzantinischen Musik ist die Lage sehr rätselhaft. Kirchliche Dokumentationen berichten ständig über die musikalische Seite der Liturgie, die mehrere Male neu geordnet wird, von der aber keine Manuskripte oder Bücher mit den entsprechenden Texten vorhanden sind. In den Jahrhunderten 5 bis 10 sind Namen von Dichtern bekannt, aber kein einziger von einem Komponisten. Dann bis zum 13. Jahrhundert verschwinden auch die Poeten.

Und erst im 13. bis 15. Jahrhundert sind die Namen von Dichtern wie auch von Komponisten wieder vorhanden. Auch die musikalische Theorie und die Philosophie der Musik bewegen sich sehr komisch. Nach einer gewissen Entwicklung kommt der Stillstand, und nach einigen Jahrhunderten beginnt die alte Entwicklung der Theorie vom gleichen Ausgangspunkt wieder. Und das wiederholt sich mehrere Male. So hat z. B. eine Diskussion darüber, ob die Musik zu Mut und Tapferkeit erziehen kann, nach konventioneller Chronologie in einem solchen Zickzack-Kurs zehn Jahrhunderte gedauert.

Dazu schreibt Herzmann: "Nur ein Grund zwingt uns zu glauben, dass die alte Musikgeschichte (und überhaupt die ganze alte Geschichte) so langsam und passiv verlief: die konventionelle chronologisch-historische Konzeption. Und was, wenn sie nicht richtig ist? ... Jetzt ist es absolut klar: Das Bild der Geschichte der alten Musik in der Musikwissenschaft ist primitiv, falsch, und nicht nur entspricht es keinesfalls vielen festgestellten Gesetzmäßigkeiten des musikalischhistorischen Prozesses, sondern oft auch der elementaren Logik. Noch mehr, es ist in vielen Aspekten widersprüchlich ... "
Am Ende des Buchs kommt der Autor zu folgenden Schlüssen:
• "Die Geschichte der alten Musik ist viel kürzer, als man bis heute annimmt: Aus 28 Jahrhunderten sind höchstens 16 durch das vorhandene Material belegt, mindestens 12 müssen gestrichen werden.
• Die Unterscheidung der alten griechischen und byzantinischen Musik ist praktisch unmöglich, weil nur im 13. Jahrhundert erste Unterschiede entstehen. (Wir würden sagen: die altgriechische Musik ist die byzantinische Musik vor dem 13. Jahrhundert).
• Nur ab dem 12. Jahrhundert kann man eine christliche Richtung in der überwiegend heidnischen Musik ausmachen, die sich dann langsam entwickelt.
• Ein sehr großer Teil der altgriechischen Musik ist praktisch identisch mit der byzantinischen des 10. bis 12. Jahrhunderts.
• Erst im 10. bis 12. Jahrhundert wird die Verwendung der altgriechischen musikalischen
Notation langsam durch die neue byzantinische ersetzt. " [S. 521 ff.]

Schlussfolgerungen
Die Antike ist ein Kopfprodukt der Humanisten, die ihre unreifen chronologischen Vorstellungen durch immer neue Imitationen von Werken, die sie dem Altertum zuschrieben, zum Dehnen zwangen, auf über tausend Jahre streckten und letztendlich in die tausend bis zweitausend Jahre entfernte Vergangenheit abschickten. In Wirklichkeit aber war die einzige echte Antike in den an die Renaissancezeit unmittelbar grenzenden Jahrhunderten ab etwa 1200. Sie trägt heute sogar einige Züge der Renaissanceepoche selbst. Die so erfundene Antike wurde dann zwischen etwa 1600 bis 1800 von zahlreichen Historikern durch weitere Beschreibungen zu einer historischen Selbstverständlichkeit stilisiert und wird bis heute weiter untermauert. Kritische Forschung – in erster Linie in Deutschland und in Russland – hat die Mechanismen dieser großen Mystifi kation entlarvt und damit einen wichtigen Beitrag zur Korrektur unserer Vergangenheitsvorstellungen erbracht.

Literatur
Lucas Brasi, Die erfundene Antike. Einführung in die Quellenkritik, Hamburg, 2004
Anatoli Fomenko. Antike als Mittelalter, St.-Petersburg, 2005 (Russ.)
Eugen Herzmann, Geheimnisse der Geschichte der alten Musik, St.-Petersburg, 2004 (Russ.)
Eugen Gabowitsch, Scaliger, Newton und Hardouin: Wer hatte Recht? SYNESIS, Nr. 42,
1999, Heft 6 (November/Dezember), 45-46.
Ferdinand Gregorovius. Athen und Athenais. Schicksale einer Stadt und einer Kaiserin im byzantinischen Reich. Essen: Emil Vollmer, o. J.
P. HOCHART. De l’Authenticite des Annales et des Histoires de Tacite, 1880.
Wilhelm Kammeier. Die Fälschung der Geschichte des Urchristentums, Viöl, 2001.
M. M.Postnikov. Kritische Erforschung der Chronologie des Altertums, Band 1, Antike,
Moskau, 2000 (Russ.).
JOHN WILSON ROSS. TACITUS AND BRACCIOLINI. THE ANNALS FORGED IN THE XVth CENTURY. London 1878.
S. auch http://library.beau.org/gutenberg/etext05/8tcbr10.txt
Uwe Topper. Große Aktion, Tübingen, 1998
Leo Wiener. Tacitus‘ Germania and other forgeries, 1920

aus: SYNESIS-Magazin Nr. 1/2007, S.34-39
Quelle http://www.efodon.de/html/archiv/chrono/gabo/2007_gabowitsch_antike-2.pdf

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Der Pergamon-Altar in Berlin
Überraschungen am Zentralheiligtum der deutschen Altertumsbegeisterung
© 2000 Uwe Topper; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 3/2000
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Isaac Newton verkürzt die griechische Geschichte um 300 Jahre
© Uwe Topper; veröffentlicht in EFODON SYNESIS Nr. 4/1999
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Quelle: http://www.efodon.de/