Zur Wehrpsychiatrie

Wehrpsychiatrie

Zur Funktion der Wehrpsychiatrie
"Paniktheorie" als Aufstandsprävention
Hans-Ludwig Siemen

Maschinengewehre hinter der Front, - so charakterisierte Sigmund Freud 1920 die Funktion der Wehrpsychiatrie während des ersten Weltkrieges. Tausende von Soldaten, die nicht mehr willenloses Schlachtvieh der Großkopferten sein wollten, wurden mit einem Folterregiment von "Therapiemethoden" wie totale Isolierung, Röntgenbestrahlung, Nahrungsentzug, Elektroschocks und Scheinoperationen wieder in die Schützengräben getneben. Mit der Dauer des Krieges wurde es sogar zur therapeutischen Gepflogenheit, ... die Abwehrneurosen ins Trommelfeuer zu schicken. Eine Therapie, die von den damaligen Wehrpsychiatern wegen ihrer hohen Heilungsquote und ihres Abschreckungswertes gerühmt wurde. Seit dieser Zeit haben etliche Kriege stattgefunden, Kriege, in denen die Wehrpsychiatrie ihre Methoden verfeinern und effektivieren konnte.

An der wesentlichen Funktion von Wehrpsychiatrie aber hat sich nichts geändert. Immer noch ist ihr oberstes Gebot die Wehrhaftigkeit eines Staates und seines Militätapparates. Der einzelne Mensch ist ihr nichts, die Schlagkraft und Einsatzfähigkeit der Armee alles..

Und dieses Primat des Militarismus bestimmt die gesamte Wehrpsychiatrie: ihren Krankheits- und Normalitätsbegriff, ihr konkretes Eingreifen und ihre Strategiediskussion.

Ich will mich an dieser Stelle nur auf einen, aber meines Erachtens sehr wichtigen Bereich der Wehrpsychiatrie beschränken: Auf den der sog. Panikprävention bzw. Panikbekämpfung. An diesem Punkt ist sehr konkret nachweisbar, wonn das Wesen der Wehrpsychiatrie besteht, welche Rolle sie im Rahmen der Kriegsvorbereitung spielt und wie notwendig es ist, gegen diese "Wissenschaft" Widerstand zu entwickeln.

Der Begriff "Panik" ist relativ neu in der Wehrpsychiatrie. Erst seit 1945, dem Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki rückte es immer mehr in das Interesse der Militaristen und damit auch der Wehrpsychiatrie.

Ausgangspunkt dieses Interesses ist die Angst der Herrschenden, daß im Falle eines atomaren Erpressungsmanövers oder eines begrenzten Atomkrieges "ihre" Soldaten und "Ihre" Bevölkerung mit Widerstand, Verweigerung oder ähnlichem reagieren könnten. An sich ist es ja nur menschlich:

Sollten wir jemals in die Situation kommen, und daß ist heute leider sehr wahrscheinlich, in eine Situation, in der die herrschende Politik mit einer Atombombe fortgesetzt werden soll, so werden sicherlich unzählbare Menschen Angst haben, totale Angst haben. Sie werden versuchen, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, diesen Wahnsinn zu verhindern oder ihm zumindestens zu entfliehen.

In Anlehnung an Clausewitz: Die Schlacht ist nicht so sehr ein Totschlagen des feindlichen Kriegers, als des feindlichen Mutes, stellt denn auch der Wehrpsychiater Brickenstein fest, daß "das Entfachen einer Panik beim Gegner, sowie die Verhinderung und Bekämpfung bei den eigenen Streitkräften zu allen Zeiten zu den psychologischen Waffen gehört, die kriegsentscheidend sein können." (2)

Eine Panik, so die einhellige Überzeugung, wird kaum in den Zentren eines Atomkrieges ausbrechen. Logisch, die Betroffenen werden hierzu wohl kaum noch in der Lage sein. Wenn überhaupt, wird es unmittelbar vor einem drohenden atomaren Holocaust zu Paniken kommen, oder in Regionen, die nach einem begrenzten Atomschlag noch relativ unversehrt geblieben sind.

Unter Panik versteht die Wehrpsychiatrie eine "planlose und unzweckmäßige Abwehr einer zur Masse degenenerten Menschengemeinschaft, die kollektiv auf eine tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung ihrer Existenz erfolgt." (3)

Planlos, unzweckmäßig und damit panisch ist z.B. jede nach hinten genchtete Fluchtreaktion von Soldaten. Panisch ist es für den Wehrpsychiater Mikorey, wenn in einem "Truppenkörper" der bis dahin suspendierte Selbsterhaltungstneb "explosiv" wirksam wird.

Als Panik nach vorn, so daß Bundesministenum der Verteidigung 1962 wörtlich, kann ferner jede gewalttätige Meuterei bezeichnet werden. Wie das Wort schon sagt, wird aus der Truppe dann eine "Meute", die sich, statt auf den Feind, auf den Vorgesetzten stürzt." (4)

In unsere Sprache übersetzt werden mit dem wehrpsychiatrischen Begriff der Panik all die massenhaften Reaktionen bezeichnet, die den Kriegszielen der Herrschenden entgegenstehen und diese möglicherweise ersthaft gefährden könnten, Massenreaktionen also, die letztendlich auch das herrschende System bedrohen würden.

Logisch, daß solche Reaktionen für die Herren Wehrpsychiater, für die nur derjenige Mensch gesund ist, der sich als Soldat willig in die Militärmaschine einordnet und auch zum atomaren Massenmord bereit ist, logisch also, daß solche Reaktionen diesen Herren nur als krankhaft und abnorm erscheinen können. So krankhaft und abnorm, daß sie die Aufmerksamkeit eines Psychiaters verdienen. "Die panische Reaktion" so der Wehrpsychiater Deussen, "stellt im Extremfall eine neurotische Reaktion von Krankheitswert dar, welche die Zurechnungsfähigkeit mindert und gegebenenfalls sogar aufhebt." (6) "Jede Panik, wie ein Kollege Deussens vermerkt "ist ein Rückfall in die tierhafte Schicht der Persönlichkeit. Die von Panik Befallenen sind unter Ausschaltung jeder vernüftigen Überlegung den primitivsten Selbsterhaltungs- und Gefahrenschutztrieben ausgeliefert." (4)

Das Problem der Militaristen ist allerdings, daß eine Panik - ist sie erstmal ausgebrochen - nur noch schwerlich einzudämmen sein wird. Letztlich wird ihr nur mit nackter Gewalt zu begegnen sein, und das wissen auch die Wehrpsychiater, - aber dazu später.

Folglich befaßt sich die Wehrpsychiatrie im wesentlichen mit den Phänomenen, die einer Panik unmittelbar vorausgehen, die quasi panikfördernd sind, und entwickelt hierzu die nötigen Handlungsanweisungen für die politische und militärische Führung. Dieses Vorgehen wird im Fachjargon als "Panikprävention" bezeichnet,

Im militärischen Bereich gelten dem Panikspezialisten Brickenstein "alle Auflösungserscheinungen der militärischen Disziplin" als "Wetterleuchten, das dem Gewitterleuchten Panik voranleuchtet". Panikgefährdet sind, so fährt er fort, "vor allen abgekämpfte, demoralisierte Truppen, die nicht mehr in der Hand ihrer Führer sind, und in denen Fahnenflucht, Selbstverstümmelung, Simulation von Krankheiten und Kriegsneurosen inflationsartig zunehmen. ... Chronische Paniken brachen vor allem in den letzten beiden Jahren des ersten Weltkrieges aus und zwar bei den abgekämpften Truppen Frankreichs, Deutschlands und Rußlands." (6) Es ist unschwer zu erkennen, daß mit diesen "chronischen Paniken" an sich nur die Russische Oktoberrevolution und die deutsche Novemberrevolution gemeint sein kann.

Die hier schon angedeutete politische Dimension des "Panikbegriffs" wird vollends deutlich, wenn sich die Wehrpsychiater an die Beschreibung derjenigen Phänomene machen, die ihrer Meinung nach im zivilen Bereich einer Panik vorausgehen.

Als solche "äußerlichen Merkmale einer Panikbereitschaft" bezeichnet besagter Brickenstein z.B. "häufige wilde Streiks, gemeinsame Unregelmäßigkeiten, Widersetzlichkeiten, Sachbeschädigung, rücksichtslose Verfolgung von Minderheiten und grober Vandalismus." (3) Für seinen Kollegen Deussen sind Panikvorboten u.a. ein "allgemeines Unsicherheitsgefühl, Lethargie, Defätismus, destruktive Kritik und mangelnde Selbstbehauptung." (5)

Das, was hier von den Wehrpsychiatern als "Panikbereitschaft" klassifiziert wird, ist letzlich jede massenhafte politische Aktion, die sich gegen den Militärapparat, gegen die geforderte Ruhe im Inneren wendet.

Solche massenhaften Aktionen gibt es - glücklicherweise - allzu häufig, als daß immer eine "Panikbereitschaft" diagnostiziert werden könnte. Man denke nur an die gemeinsamen Unregelmäßigkeiten wie Hausbesetzungen etc. Auch im militärischen Bereich bereiten die gehäuft auftretenden eigenmächtigen Entfernungen von der Truppe seit Jahren einiges Kopfzerbrechen. (7)

Entscheidend dafür, ob aus einer solchen politischen Unruhe eine Panikbereitschaft werden kann, ist die Existenz einer allgemeinen politischen Krise, z.B, hervorgerufen durch einen drohenden Atomkrieg, in der das herrschende System sowieso im Fluß ist. In einer solchen Situation werden massenhafte Verweigerungs- und Widerstandsaktionen sehr schnell zu einer äußerst bedrohlichen Bewegung. Man denke nur, welche andere Dimension und welch neue Qualität die Demonstration gegen die Bonner Natoratstagung im Juni durch eine solche brisante gesamtgesellschaftliche Situation bekommen würde.

Um eine Menschenmasse zu einer für das System kritischen Masse werden zu lassen, ist nach Ansicht der Wehrpsychiater immer das Wirken von Einzelpersonen, sogenannten Panikpersonen, nötig. Solche Menschen können in Krisensituationen zum Katalysator und Träger von Paniken werden. Ihre Verhaltensweisen sind geeignet, so Brickenstein, andere Menschen zu Fehlverhalten zu verführen.

Als vermeintliche "Panikpersonen" kommen vor allem zwei Personengruppen in Betracht:

Einmal diejenigen, die laut Psychiatrieprofessor Panse "triebhafte, emotionelle Persönlichkeiten sind, Menschen, bei denen die sonstige psychische und charakterliche Struktur, der psychische Überbau von jeher Mängel aufweist, wie bei halt- und willensschwachen Psychastenikern oder auch intellektuell Unterwertigen." (8)

Eine Panikstimmung konstatiert Brickenstein, "geht immer von labilen, ängstlichen, zu neurotischen Reaktionen neigenden Soldaten aus, und verbreitet sich wie eine Infektionskrankheit schnell weiter." (6)

Aber noch ein anderes kennzeichnet die vermeintliche Panikperson. Immer wieder wird in den einschlägigen Schriften betont, daß eine Menschenmasse in einer Krisensituation für lndoktnnationen empfänglich ist. Denn in der Masse sei die Intelligenz unter das Niveau des Einzelnen herabgesunken, das kollektive Handeln würde nur noch emotional gesteuert, sei für rationale Überlegungen unzugänglich. Logisch, daß dann sehr schnell ein "ideologischer oder religiöser Fanatismus" die Oberhand gewinnen kann. (3)

Neben denjenigen Personen, die nach Meinung der Psychiater von ihrer psychischen Konstitution zur "Panikperson" prädestiniert sind, gehören hierzu somit auch diejenigen Menschen, die Träger eines ideologischen oder religösen Fanatismus" sind. Menschen also, die sicherlich sehr schnell die Funktion von "Rädelsführern" spielen könnten.

Zusammenfassend kann die wehrpsychiatrische Paniktheorie wie folgt charakterisiert werden:

Anders als in allen bisherigen Kriegen bedroht ein Atomkrieg unterschiedslos alle Menschen. Es ist damit zu rechnen, daß es im Vorfeld eines solchen Krieges zu massenhaften Abwehr- und Widerstandsreaktionen kommen wird, die aus der kollektiven Angst entstehen, vernichtet zu werden. Diese Angst-, Abwehr- und Widerstandsreaktionen werden von den Wehrpsychiatern als Panik bezeichnet, die es im Interesse der Wehrhaftigkeit und der nötigen Ruhe an der Heimatfront mit "allen Mitteln" zu verhindern gilt. Zur Panikprävention werden von den Psychiatern diejenigen Phänomene herausgearbeitet, die ihrer Meinung nach einer Panik vorausgehen, bzw. diese erst erzeugen. Zu diesen Phänomenen gehören einmal alle Massenaktionen, die sogenannten Summationsphänomene, im militärischen und zivilen Benech, die sich bewußt oder unbewußt gegen die jeweils herrschende Ordnung richten. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei den sogenannten Panikpersonen geschenkt, die durch ihr Verhalten, ihre psychische Unangepaßtheit oder ihre politische und religiöse Überzeugung die Rolle von Anstiftern oder Trägern einer befürchteten Panik spielen könnten.

Wie nun sehen die von der Wehrpsychiatrie entwickelten Strategien zur Verhütung bzw. Bekämpfung solcher Paniken aus? Als wesentliche Aufgabe für die Zeit lange vor jeder Krise wird die Aufklärung und Schulung von Ärzten und allen entscheidenden Führungskräften über das Wesen der Panik und deren Prävention angesehen.

In einer Krise, also in der Zeit, die gewissermaßen "panikschwanger" geht, empfielt der Panikspezialist Brickenstein neben anderen Anweisungen die "kurze energische Widerlegung von haltlosen Gerüchten" und die Verhinderung jeglicher Diskussionen. Zusammengeballte Menschenansammlungen sollen, wie es harmlos heißt, auseinandergeführt werden. Daß eine solche "Auseinanderführung " in einer wirklich brisanten Krisenstimmung alles andere, nur nicht harmlos ablaufen wird, ist leicht vorstellbar.

Für die unmittelbare Bekämpfung einer Panik erwägen die Psychiater u.a. folgende Maßnahmen:

Die sofortige Isolierung erkannter Panikpersonen und deren separate ärztliche Behandlung. Wie diese Erkennung und Isolierung aus einer aufgebrachten Menschenmenge heraus ablaufen soll, wird nicht ausgeführt. Ebensowenig wird dargestellt, wann genau die separate ärztliche Behandlung bestehen wird. Eine chemische Ruhigstellung dürfte noch zu den harmloseren Behandlungsmothoden gehören.

Desweiteren wird die "Ableitung der Menschenmassen aus einem Panikzentrum in eine gewünschte Richtung - wenn möglich - in viele verschiedene Richtungen vorgeschlagen." Gewünscht wird z.B. im militärischen Bereich, so Brickenstein im Handbuch der Wehrmedizin von 1980, "die Richtung so zu ändern. daß der Paniksturm gegen den Feind - also in den sicheren Tod - erfolgt." Ein solch gelenkter Paniksturm hätte somit auch noch einen militärischen Sinn. (3,6)

Die auseinandergetriebenen Menschenmassen, die nicht in den Tod geschickt werden können, sind, so die Anweisungen der Wehrpsychiater, an eigens errichteten Barrieren und Sammelstellen aufzuhalten. Dort sollen sie, es klingt fast lächerlich, durch "unzweideutige, prägnante Weisungen der Führer und Unterführer empfangen werden." Die Besonnenen sollen eine sinnvolle Tätigkeit aufnehmen, die noch Einsetzbaren sollen eine mechanische Arbeit verrichten, und die übrigen ... ? Dazu fehlt leider wieder jede Handlungsanweisung. (3)
Wie gesagt, eine Panik soll mit allen Mitteln verhindert werden. So verwundert es an sich auch nicht, wenn streckenweise sehr offen über den Sinn und Zweck des Schußwaffengebrauchs diskutiert wird.

Um zu dokumentieren, mit welcher Eiseskälte, aus rein strategischen Überlegungen heraus die Erschießung von Menschen einkalkuliert wird, ein längeres Zitat aus der bereits 1962 herausgegebenen Schrift des Verteidigungsministeriums zur Panikprävention:

"Alles kommt darauf an, die Notbremse zu finden! ... Notfalls ist Waffengebrauch nicht zu umgehen.

Hierbei ist zu bedenken: Die noch nicht verwendete Waffe bannt mehr als die, welche zu früh gebraucht wird. Solange derjenige, der sich den panisch Erregten entgegenstellt, noch nicht schießt, muß jeder einzelne befürchten, daß ihn, ausgerechnet ihn, die Kugel trifft. Sind die ersten Warn-Schreck oder gezielten Schüsse gefallen, so ist der Bann gebrochen." (4)

Es stellt sich nun, nach Darstellung der Paniktheorie und der zur Panikprävention ausgeheckten Befriedigungsstrategien die Frage, warum sich überhaupt die Wehrpsychiatrie mit einem solchen im wesentlichen politischen, und militärischen Thema befaßt. Es stellt sich die Frage, welche Funktion sie im Rahmen dieser Befriedigungsstrategien überhaupt spielen kann?

Sehr klar bekundet hierzu der mehrfach zitierte Brickenstein, daß es hauptsächlich der militärischen und politischen Führung obliegt, die befürchteten "Kollektivreaktionen einer Masse von Menschen" zu bekämpfen. Die spezielle Aufgabe der Wehrpsychiatrie ist, wie er an anderer Stelle ausführt, "die verantwortliche organisatorische Leitung, bzw. politische oder militärische Führung schon in ruhigen Zeiten über das Wesen einer Panik zu informieren." Die führenden Kräfte zu beraten, welche Massenphänomene und welche Art von Menschen dazu geeignet sind, Paniken heraufzubeschwören. Und "welche Möglichkeiten es vor, während und nach einer Katastrophe gibt, psychische Fehlreaktionen zu verhindern, einzudämmen oder zu bekämpfen."(3)

Die Funktion der Wehrpsychiatrie ist also an diesem Punkt wesentlich die eines Vordenkers, der die notwendigen Befriedigungsstrategien und Techniken der Militaristen für die Heimatfront entwirft.

Denn die Führbarmachung eines Atomkrieges entscheidet sich nicht nur auf der rein militärischen Ebene. Notwendig ist dazu auch, den unberechenbaren Faktor Mensch so unter Kontrolle zu haben, daß er eine wahnsinnige Kriegspolitik nicht gefärden kann.

Und diese hauptseitig strategische Funktion ist schon seit langem wesentlich für die Wehrpsychiatrie. Neben der unmittelbaren Behandlung von sog. 'Kriegsneurotkern', von Alkoholikern und anderen 'Störern' und 'Versagern', neben der Erarbeitung von psychiatrischen Musterungskriterien ist es spätestens seit dem ersten Weltkrieg und der nachfolgenden Novemberrevolution ihre Aufgabe, Pläne auszuarbeiten, wie ein Krieg im Inneren gewinnbar werden kann.

So diskutierten namhafte Psychiater in Vorbereitung des 2. Weltkrieges wie eine erneute Revolte verhindert werden kann. Damals schlug, dies als Beispiel, der Vater deutscher Wehrpsychiatrie, Ewald Stier, vor, "schon in Friedenzeiten mit allen nur denkbaren Mitteln die Schwachsinnigen und geistige Minderwertigen vom Heer fernzuhalten bzw. rasch auszuschalten." Da aber, wie er weiter ausführte, die "Anreicherung der minderwertigen Elemente in der Heimat kaum geringere Gefahren in sich birgt" empfahl er "die Verweisung der gefährlichen Elemente in die Konzentrationslager der Heimat."

Selbiger Stier genießt noch heute hohes Ansehen bei seinen Kollegen Nachfolgern, seine Überlegungen sind, so Brickenstein, noch heute von aktueller Bedeutung. (10)

Eindeutiger sprach Oberstabsarzt Simon 1938 die politische Intention der Stierschen Vorschläge aus: Gefährlich sei vor allem der "linke Flügel der Psychopaten", die sich "teils heimlich, teils offen als Hetzer und Aufführer betätigen. ...Wir haben im Kriege erfahren, und besonders an Kriegsende, während der Revolution 1918 und in der Räte - und Spartakistenzeit zu fühlen bekommen, wie schlimm und verheerend sich die zersetzende Tätigkeit dieses linken Flügels der Psychopaten ausgewirkt hat." (11)

Auch während des zweiten Weltkrieges nahmen die Psychiater, unter ihnen solch bekannte wie Kurt Schneider und Oswald Bumke, ihre Beraterfunktion war. Auf Arbeitstagungen, die Richtlinienkompetenz für die gesamte Wehrmacht hatten, wurden u.a. Kriterien entwickelt, nach denen störende und versagenden Soldaten entweder psychiatrisch behandelt, oder disziplinarisch belangt oder gleich ins KZ eingewiesen wurden.

Neben dieser allgemeinen Tradition der Wehrpsychiatrie haben die meisten an der Ausarbeitung der Panikprävention beteiligten Psychiater ihre ersten Sporen und Erkenntnisse in der großdeutschen Wehrmacht gesammelt.

Brickenstein z.B. vertrat in seiner 1943 verfaßten Dissertation die Meinung, daß es meist keinen Grund gäbe, den Menschen nachzutrauern, die sich währen des Krieges umbringen würden. "Sie waren", so Brickenstein, "immer lebensuntüchtig gewesen und für das Volksganze ist das Erbgut solcher Menschen nicht nur wertlos, sondern schädlich." (12)

Friedrich Panse war 'Gutachter' der nationalsozialistischen Vernichtungsaktion "T 4" gegen vermeintlich Geisteskranke, der mehr als 120 000 Menschen zum Opfer fielen. Panse nahm ebenso wie der zitierte Mikorey an den Arbeitstagungen der Wehrmacht teil. (13)

Ich will mit diesem Rückgriff auf die Tradition der Wehrpsychiatrie nicht behaupten, daß die Paniktheorie unmittelbar der nazistischen Tradition entspringen würde. Ein solch platter Analogieschluß würde verkennen, daß durch die Existenz von Atomwaffen, durch die Verfeinerung von Herrschaftstechniken und durch eine andere gesamtgesellschaftliche Situation die heutige Zeit eine andere ist.

Aber zur Erkenntnis dessen, was sich hinter dem irreführenden Begriff der Panik verbirgt, ist es wichtig, sich solche Traditionen zu vergegenwärtigen.
Traditionen, deren Wert zur Ausarbeitung von aktuellen Befriedigungsstrategien von Wehrpsychiatern sehr wohl erkannt worden ist. So befaßt sich die erst in den letzten Jahren erschienene Schriftenreihe "Erfahrungen des deutschen Sanitätsdienstes im 2. Weltkrieg", herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharrnazie, u.a. ausführlich rnit den Inhalten der nervenärztlichen Arbeitstagungen der deutschen Wehrmacht. (14)

Gerne würde ich jetzt sagen, daß das hier Dargestellte nur die Meinung von einigen wenigen, besonders reaktionären Wehrpsychiatern ist, - was schon schlimm genug wäre. Dem ist aber leider nicht so: Seit dem Bestehen der Bundeswehr, teilweise sogar schon vorher, haben sich Psychiater immer wieder ausführlichst mit dem Problem "Panik" befaBt. So nimmt, um den Stellenwert zu dokumentieren, im aktuellen Handbuch zur Wehrmedizin von 1980 die Panikprävention den weitaus größten Teil des Kapitels zur Wehrpsychiatrie ein.

Die grundlegenden Schriften, verfaßt von den Psychiatern Panse, Mikorey und Deussen sind allesamt schon in den 50iger bzw. Anfang der sechziger Jahre geschrieben worden. Die Vorstellungen mit denen der heutige Panikspezialist Brickenstein auch in der Friedensbewegung bekannt wurde, sind erstmal nichts anderes als eine Zusammenfassung dieser grundlegenden Studien. Sein einziger, aber auch entscheidender Verdienst ist, daß er sehr offen die Bedeutung der Panikprävention für den zivilen Bereich ausspricht. Und noch ein weiteres ist zur Einschätzung der Bedeutung der Paniktheorie wichtig: es gibt keine grundlegende Trennung von Wehrpsychiatrie und sonstiger Psychiatrie. Beispielsweise sitzen, bzw. saßen im Wehrmedizinischen Beirat, der äußerst wichtige beratende Funktionen erfüllt, solch "honorige" Professoren wie Ritter von Baeyer, Heidelberg, Wieck, Erlangen, Schrappe aus Würzburg oder Hippius aus München.

Es ist also davon auszugehen, daß die Paniktheone mit all ihren Konsequenzen auch im sogenannten Zivilen Bereich der Psychiatrie etliche Unterstützer hat. Und eben dieser Unterstützerkreis wird in der letzten Zeit durch Veranstaltungsreihen, Symposien und Zeitschriftenartikel gezielt vergrößert. Der erste Abschnitt der Panikprävention, die Aufklärung und Schulung der Ärzteschaft und der politischen und militärischen Führung ist bereits in vollem Gange.

Anmerkungen/Literatur

1. Nonne; in: Handbuch der ärztlichen Erfahrungen des Weltkrieges, Berlin 1922, S. 114
2. Brickenstein, Rudolf; Panikprobleme im Rahmen der Landesverteidigung, in: Beiträge zur Wehrpsychiatrie, H. 3, Bonn 1967, S. 176 ff
3. ders. Individualreaktionen, Summationsphänomene und Kollektivreaktionen; in: Münchener MedzinIsche Wochenschrift, 122, 1980. S. 1459-1462
4. Bundesministerium der Verteidigung, Panik - Schnftenreihe Innere Führung, 1962, S. 35 ff
5. Deussen, J.; Über Entstehung und Bekämpfung der Panik; In: Wehrkunde, 11, 1962, S. 665-671; 84, 1963, S. 144-158
6. Brickenstein, Rudolf; Wehrpsychiatrie, in: Rebentisch (Hrsg) Wehrmedizin, München 1980, S. 460
7. Vergleiche W. Roth, Unvollzählig angetreten; In: Kursbuch 67, Berlin 1982, S. 151.160
8. Panse, Friednch, Angst und Schreck, Stuttgart 1952
9. In: Der Deutsche Militäratzt, 1, 1936, & 15f
10. So Brickenstein auf einem internationalen wehrpsychiatrischen Symposium in München 1979. Stier habe sich mit Problemen befaßt, "die bei uns heute noch aktuell sind, nämlich mit der Möglichkeit und Notwendigkeit, Männer zu ihren (??) und der Streitkräfte Vorteil vom Wehrdienst auszunehmen, die dazu geistig nicht tauglich sind und für diese Selektion objektive und praktikable Kriterien zu finden."
in: Brickenstein, R; Wedel, K-W; Symposium 79 - Wehrpsychiatrie, Bonn, 1979, S.18
11. in: Der Deutsche Militärarzt, 3, 1938, S. 34f
12. Brickenstein, Rudolf; Häufigkeit und Ätiologie des Selbstmordes beim Heer und die Auswirkungen des Alkoholmißbrauchs auf diese: Med.Diss.; Erlangen 1943
13. BA r 96 I/1, 127891
14 Valentin, Rolf, Die Krankenbataillone, Düsseldorf 1980, S. 125.145
Aufsatz aus: Psychologie & Gesellschaftskritik 22/23, 1982, 6. Jahrgang Heft 2/3,S. 124-133.